Neunte Lesewerkstatt – Wie lässt sich Dracula historisch besiegen?
摘要
Die neunte Lesewerkstatt analysiert Bram Stokers Vampirroman Dracula (1897) historisch und diskursanalytisch als Spiegel viktorianischer Diskurse unter anderem über Medizin, Kriminologie, Religion, Sexualität, Kolonialismus, Identität, Fremdenhass, class, race und gender. Stokers Roman zeigt Dracula als Projektionsfläche gesellschaftlicher Ängste vor Degeneration, Migration, Pandemien und einer Rache der Kolonisierten. Der Kampf gegen den Vampir wird in der Industriemoderne nicht mehr durch mythische Mittel, sondern durch moderne Medien und Technologien wie Schreibmaschine, Telegraphie und datenbasierte Ermittlung gewonnen, wodurch der Roman den historischen Wandel vom vormodernen Aberglauben zu Bürokratie und Technisierung abbildet. Die weibliche Hauptfigur Mina agiert als Schaltstelle einer modernen Vernetzung und entwirft ein gewandeltes Rollenbild der ‚New Woman‘. Dracula wird zur Allegorie auf den Sieg der Medientechnologien und der Buchhaltung über das archaische Monster. So zeigt sich, wie Literatur als historisches Dokument gesellschaftliche Transformationsprozesse und Diskurse ihrer Entstehungszeit verhandelt.