Psychologische Ansätze zur Beschreibung von Literatur finden sich bereits in Poetik, Rhetorik und Narratologie: in Katharsis und Psychagogie sowie in den erzählerischen Darstellungen des menschlichen Bewusstseins durch inneren Monolog oder Bewusstseinsstrom in der Literatur der Moderne. Sigmund Freud entwickelte seine Psychoanalyse aus der Lektüre literarischer Werke, insbesondere Sophokles’ König Ödipus und Shakespeares Hamlet. Er unterscheidet individuelle Ontogenese und kollektive Phylogenese, ‚Ödipuskomplex‘ und ‚Urhorde‘, ‚Ich‘, ‚Es‘ und ‚Über‐Ich‘, die Verdrängung und die Wiederkehr des Verdrängten. Das ‚Unheimliche‘ bestimmte er als das eigentlich Vertraute, aber Verdrängte, das wieder zum Vorschein kommt. Zugänge zum Unbewussten bieten Witze, Fehlleistungen, Störungen, Phantasien, Träume und Kunstwerke. Die Bilder unserer Träume entstehen analog zu den Verfahren der rhetorischen Tropen (Verdichtung, Verschiebung etc.). Die Verfahren der Traumdeutung, die sie analysiert, entsprechen jenen der Entschlüsselung literarischer Symbole. Freuds Studien zur Literatur folgen drei Erkenntnisrichtungen: Sie beziehen sich auf den Autor, der im Text seine Traumata oder Phantasien bearbeitet; auf die Leser, deren Wunschvorstellungen die Lektüre bedient; oder auf die Figuren, deren Verhalten mit Begriffen und Diagnosen der Psychoanalyse zu beschreiben ist. Alternative psychologische Konzepte nach Freud sind das ‚Phantastische‘ (Tzvetan Todorov), die ‚Einflussangst‘ (Harold Bloom), die ‚Thymotik‘ (Peter Sloterdijk), die ‚Imitation‘ (René Girard), die Psychopathologie des Kolonialismus (Frantz Fanon) sowie ‚Männerphantasien‘ (Klaus Theweleit). Im neunten Kapitel des Ulysses (1922) parodiert James Joyce eine psychoanalytische Literaturwissenschaft, die das Werk William Shakespeares ironisch zum Symptom eines Traumapatienten erklärt.

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Achter Theoriekurs – Psychologisch lesen

  • Oliver Lubrich,
  • Thomas Nehrlich

摘要

Psychologische Ansätze zur Beschreibung von Literatur finden sich bereits in Poetik, Rhetorik und Narratologie: in Katharsis und Psychagogie sowie in den erzählerischen Darstellungen des menschlichen Bewusstseins durch inneren Monolog oder Bewusstseinsstrom in der Literatur der Moderne. Sigmund Freud entwickelte seine Psychoanalyse aus der Lektüre literarischer Werke, insbesondere Sophokles’ König Ödipus und Shakespeares Hamlet. Er unterscheidet individuelle Ontogenese und kollektive Phylogenese, ‚Ödipuskomplex‘ und ‚Urhorde‘, ‚Ich‘, ‚Es‘ und ‚Über‐Ich‘, die Verdrängung und die Wiederkehr des Verdrängten. Das ‚Unheimliche‘ bestimmte er als das eigentlich Vertraute, aber Verdrängte, das wieder zum Vorschein kommt. Zugänge zum Unbewussten bieten Witze, Fehlleistungen, Störungen, Phantasien, Träume und Kunstwerke. Die Bilder unserer Träume entstehen analog zu den Verfahren der rhetorischen Tropen (Verdichtung, Verschiebung etc.). Die Verfahren der Traumdeutung, die sie analysiert, entsprechen jenen der Entschlüsselung literarischer Symbole. Freuds Studien zur Literatur folgen drei Erkenntnisrichtungen: Sie beziehen sich auf den Autor, der im Text seine Traumata oder Phantasien bearbeitet; auf die Leser, deren Wunschvorstellungen die Lektüre bedient; oder auf die Figuren, deren Verhalten mit Begriffen und Diagnosen der Psychoanalyse zu beschreiben ist. Alternative psychologische Konzepte nach Freud sind das ‚Phantastische‘ (Tzvetan Todorov), die ‚Einflussangst‘ (Harold Bloom), die ‚Thymotik‘ (Peter Sloterdijk), die ‚Imitation‘ (René Girard), die Psychopathologie des Kolonialismus (Frantz Fanon) sowie ‚Männerphantasien‘ (Klaus Theweleit). Im neunten Kapitel des Ulysses (1922) parodiert James Joyce eine psychoanalytische Literaturwissenschaft, die das Werk William Shakespeares ironisch zum Symptom eines Traumapatienten erklärt.