Die fünfte Lesewerkstatt wendet die Erkenntnisse der Rhetoriktheorie exemplarisch auf zwei Reden an, das „Enkomion auf Helena“ des antiken Rhetors Gorgias und eine Rede der Figur St. Just in Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod (1835). Gorgias demonstriert die Wirkung rhetorischer Manipulation, indem er Helena, die meistgeschmähte Frau des griechischen Mythos, überzeugend verteidigt. Sie sei der verführerischen Rhetorik des Paris wie ein Vergewaltigungsopfer unter Drogeneinfluss verfallen. Gorgias führt damit Rhetorik als machtvolle Technik vor, die Realität und Wahrheit nach Belieben formen kann. Seine Rede ist zu verstehen als Theoriemanifest, in dem er die Wirkweisen der Rhetorik zugleich erläutert und anwendet. Formal setzt Gorgias auf rhetorische Figuren der Verwirrung wie den Chiasmus und die Litotes, mit denen er den Gegensatz zwischen gut und schlecht verunklart. Bei Büchner zeigt St. Justs Rede, mit der er Dantons Hinrichtung rechtfertigen will, wie Rhetorik politisch zur Legitimation von Gewalt eingesetzt wird. In euphemistischer Sprachbildlichkeit und verharmlosenden Allegorien setzt er die Revolution mit der Gesetzmäßigkeit der Natur und der Grammatik gleich. Genau gelesen, enthält der Schluss seiner Rede allerdings eine Kritik an demagogischer Schreckensrhetorik, da seine Vorbilder aus der jüdischen, griechischen und römischen Mythologie bzw. Geschichte seiner Absicht zuwiderlaufen. Beide Reden zeigen beispielhaft die Notwendigkeit, sich rhetorischer Wirkmechanismen bewusst zu sein, um sich gegen sprachliche Manipulation immunisieren zu können.

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Fünfte Lesewerkstatt – Wie manipulieren uns Gorgias und St. Just?

  • Oliver Lubrich,
  • Thomas Nehrlich

摘要

Die fünfte Lesewerkstatt wendet die Erkenntnisse der Rhetoriktheorie exemplarisch auf zwei Reden an, das „Enkomion auf Helena“ des antiken Rhetors Gorgias und eine Rede der Figur St. Just in Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod (1835). Gorgias demonstriert die Wirkung rhetorischer Manipulation, indem er Helena, die meistgeschmähte Frau des griechischen Mythos, überzeugend verteidigt. Sie sei der verführerischen Rhetorik des Paris wie ein Vergewaltigungsopfer unter Drogeneinfluss verfallen. Gorgias führt damit Rhetorik als machtvolle Technik vor, die Realität und Wahrheit nach Belieben formen kann. Seine Rede ist zu verstehen als Theoriemanifest, in dem er die Wirkweisen der Rhetorik zugleich erläutert und anwendet. Formal setzt Gorgias auf rhetorische Figuren der Verwirrung wie den Chiasmus und die Litotes, mit denen er den Gegensatz zwischen gut und schlecht verunklart. Bei Büchner zeigt St. Justs Rede, mit der er Dantons Hinrichtung rechtfertigen will, wie Rhetorik politisch zur Legitimation von Gewalt eingesetzt wird. In euphemistischer Sprachbildlichkeit und verharmlosenden Allegorien setzt er die Revolution mit der Gesetzmäßigkeit der Natur und der Grammatik gleich. Genau gelesen, enthält der Schluss seiner Rede allerdings eine Kritik an demagogischer Schreckensrhetorik, da seine Vorbilder aus der jüdischen, griechischen und römischen Mythologie bzw. Geschichte seiner Absicht zuwiderlaufen. Beide Reden zeigen beispielhaft die Notwendigkeit, sich rhetorischer Wirkmechanismen bewusst zu sein, um sich gegen sprachliche Manipulation immunisieren zu können.