Erst in Julia, oder die Gemälde findet sich eine intensive Verarbeitung der Erzählungen aus tausendundeiner Nacht, obwohl Schmidt den Märchenzyklus in der Übersetzung des Orientalisten Enno Littmann schon seit den 50er-Jahren besaß. Der Erwerb der Übersetzung durch den britischen Afrikaforscher und Orientalisten Richard Francis Burton veranlasste Schmidt zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Werk. Daraus könnte sich die These ableiten, Schmidt habe den arabischen Märchenzyklus in seiner Rolle als kulturhistorischer Neuerer erkannt, insofern erst die aufklärerische Leistung, die sich in dem opulenten Anmerkungsapparat von Burtons Ausgabe zeigt, seine Hochschätzung erfuhr. In den Anmerkungen schlug sich nicht nur Burtons wissenschaftliche Erforschung der orientalischen Kultur und Geschichte nieder, sondern auch seine empirische Begegnung mit der Sprache des Volkes, so dass man erfahren konnte, wie Eunuchen gemacht werden, wie im Osten geheiratet wird, was die Menschen in der Ehe tun etc. Tatsächlich bildet der Anmerkungsapparat für Julia, oder die Gemälde eine der umfangreichsten Zitatquellen, der über drei Viertel der Burton-Zitierungen im Dialogfragment entlehnt sind. Sie erscheinen dort als obszöne Skurrilitäten, sexuelle Auffälligkeiten und häretische Verspottungen. Darüber hinaus zeigt besonders die Verwendung der Burton-Zitate, dass Schmidts Verfahren sich keinesfalls auf eine aufklärerische Rolle beschränken lässt, sondern der Erzähler oftmals über das Zitatstratum auf der subkutanen Textebene mit der Textvorlage kommuniziert, so dass zwischen zitiertem und zitierendem Text eine quasi privatisierende Dialogizität erzeugt wird. Des Weiteren konzentrieren sich die Zitate in den letzten Abschnitten des Dialogfragments auf eine Protagonistin mit dem sprechenden Namen Tausendeins. Die Untersuchung versucht nachzuweisen, dass es sich bei dieser Figur um Schmidts Entwurf eines ‚lebenden Zitats‘ handelt. Anders als bei vergleichbaren Namensgebungen aus den späten Dialogromanen geht die Figur der Tausendeins über die Annahme eines entlehnten Namens hinaus und verkörpert die Zitierung der Thousand and a Night. Sie lebt die Erzählsammlung als den Entwurf einer Lebenskunst, in der sich Realität und Literatur gegenseitig durchdringen. Die Realisierung dieses Entwurfs besteht darin, die Bulûkiyah-Geschichte der Erzählsammlung neu zu schreiben. Der Abbruch des Dialogfragments zeigt eine erste Vorarbeit dieses Entwurf, einen tabellarischen Vergleich der Littmann- und Burton-Übertragungen. Aus Schmidts nachgelassenen Zettelnotizen wird dieser Entwurf in einer erweiterten und kommentierten Fassung vorgelegt.

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Die zitierte Welt der Thousand Nights and a Night – Wiederkehr einer burlesken Ordnung der Dinge

  • Jochen Hengst

摘要

Erst in Julia, oder die Gemälde findet sich eine intensive Verarbeitung der Erzählungen aus tausendundeiner Nacht, obwohl Schmidt den Märchenzyklus in der Übersetzung des Orientalisten Enno Littmann schon seit den 50er-Jahren besaß. Der Erwerb der Übersetzung durch den britischen Afrikaforscher und Orientalisten Richard Francis Burton veranlasste Schmidt zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Werk. Daraus könnte sich die These ableiten, Schmidt habe den arabischen Märchenzyklus in seiner Rolle als kulturhistorischer Neuerer erkannt, insofern erst die aufklärerische Leistung, die sich in dem opulenten Anmerkungsapparat von Burtons Ausgabe zeigt, seine Hochschätzung erfuhr. In den Anmerkungen schlug sich nicht nur Burtons wissenschaftliche Erforschung der orientalischen Kultur und Geschichte nieder, sondern auch seine empirische Begegnung mit der Sprache des Volkes, so dass man erfahren konnte, wie Eunuchen gemacht werden, wie im Osten geheiratet wird, was die Menschen in der Ehe tun etc. Tatsächlich bildet der Anmerkungsapparat für Julia, oder die Gemälde eine der umfangreichsten Zitatquellen, der über drei Viertel der Burton-Zitierungen im Dialogfragment entlehnt sind. Sie erscheinen dort als obszöne Skurrilitäten, sexuelle Auffälligkeiten und häretische Verspottungen. Darüber hinaus zeigt besonders die Verwendung der Burton-Zitate, dass Schmidts Verfahren sich keinesfalls auf eine aufklärerische Rolle beschränken lässt, sondern der Erzähler oftmals über das Zitatstratum auf der subkutanen Textebene mit der Textvorlage kommuniziert, so dass zwischen zitiertem und zitierendem Text eine quasi privatisierende Dialogizität erzeugt wird. Des Weiteren konzentrieren sich die Zitate in den letzten Abschnitten des Dialogfragments auf eine Protagonistin mit dem sprechenden Namen Tausendeins. Die Untersuchung versucht nachzuweisen, dass es sich bei dieser Figur um Schmidts Entwurf eines ‚lebenden Zitats‘ handelt. Anders als bei vergleichbaren Namensgebungen aus den späten Dialogromanen geht die Figur der Tausendeins über die Annahme eines entlehnten Namens hinaus und verkörpert die Zitierung der Thousand and a Night. Sie lebt die Erzählsammlung als den Entwurf einer Lebenskunst, in der sich Realität und Literatur gegenseitig durchdringen. Die Realisierung dieses Entwurfs besteht darin, die Bulûkiyah-Geschichte der Erzählsammlung neu zu schreiben. Der Abbruch des Dialogfragments zeigt eine erste Vorarbeit dieses Entwurf, einen tabellarischen Vergleich der Littmann- und Burton-Übertragungen. Aus Schmidts nachgelassenen Zettelnotizen wird dieser Entwurf in einer erweiterten und kommentierten Fassung vorgelegt.