Die Lektüre der Erzählungen und Briefe des amerikanischen SF-Autors H. P. Lovecraft hatte eine nachhaltige Wirkung auf Schmidt ausgeübt und den Ton des Dialogfragments spürbar geprägt. In Lovecrafts unbestechlichem Blick vom Draußen auf das gesellschaftliche Treiben und der damit verbundenen Disposition, überwiegend in der selbsterzeugten Welt des Fiktionalen zu leben, hatte Schmidt eigene Lebensmaximen wiedererkannt. Zwei damit zusammenhängende Eigenschaften sind zum einen in der psychischen Verletzbarkeit, zum anderen der Aufrichtigkeit im künstlerischen und literarischen Schaffen zu sehen. Damit wird dem Leser des Dialogfragments ein Schlüssel an die Hand gegeben, der ihm unter der Sigle „sincerity“ das Verständnis einiger auf den ersten Blick irritierend wirkender Zitatpassagen erschließen kann. Während sich Schmidts dialogische Prosa des Spätwerks ab Zettel’s Traum auf einen einzigen Monolog reduzieren lässt, ereignet sich dieser Monolog bei Lovecraft in Form einer exorbitanten Anzahl von Briefen an einen Freundeskreis. Gegenüber Lovecrafts ausschweifenden Briefdialogen, die Aspekte seiner phantastischen Erzählungen in sie einbetten, baut sich Schmidt aus Elementen der literarisch empfundenen Wirklichkeit und Versatzstücken der medial verzerrten Realität die Welt seiner späten monologischen Prosa. Der Überblick über die Zitatfolge legt nahe, dass kurze Lovecraft-Zitate neben ihrer inhaltlichen Bedeutung im Rahmen des jeweiligen Dialogzusammenhangs auch eine signifikante Funktion für das Arrangement der längeren Lovecraft-Zitate im Dialogfragment erfüllen. Dabei verdanken die längeren Zitate ihre Stellung und Funktion einem konkreten Arrangement. Verwendete Schmidt in den späten Dialogromanen nach Zettel’s Traum das Mittel der ‚Etym-Analyse‘ nur noch sporadisch und zu komödiantischen Zwecken, wird sie in diesem Abschnitt darüber hinaus funktional eingesetzt, um durch Metalepsen die Trennung von Monolog und Analyse des Protagonisten aufzulösen. Mit der literarischen Verschränkung von Analysierendem und Analysiertem wird der klare Fokus der Lovecraft-Analyse aufgekündigt und der Protagonist des Romans wird als zweiter Fokus in die unmittelbare Nähe von Lovecraft gerückt.

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„Sincerity“ und Irritation – die satirische Komposition boshafter Zitate von H. P. Lovecraft

  • Jochen Hengst

摘要

Die Lektüre der Erzählungen und Briefe des amerikanischen SF-Autors H. P. Lovecraft hatte eine nachhaltige Wirkung auf Schmidt ausgeübt und den Ton des Dialogfragments spürbar geprägt. In Lovecrafts unbestechlichem Blick vom Draußen auf das gesellschaftliche Treiben und der damit verbundenen Disposition, überwiegend in der selbsterzeugten Welt des Fiktionalen zu leben, hatte Schmidt eigene Lebensmaximen wiedererkannt. Zwei damit zusammenhängende Eigenschaften sind zum einen in der psychischen Verletzbarkeit, zum anderen der Aufrichtigkeit im künstlerischen und literarischen Schaffen zu sehen. Damit wird dem Leser des Dialogfragments ein Schlüssel an die Hand gegeben, der ihm unter der Sigle „sincerity“ das Verständnis einiger auf den ersten Blick irritierend wirkender Zitatpassagen erschließen kann. Während sich Schmidts dialogische Prosa des Spätwerks ab Zettel’s Traum auf einen einzigen Monolog reduzieren lässt, ereignet sich dieser Monolog bei Lovecraft in Form einer exorbitanten Anzahl von Briefen an einen Freundeskreis. Gegenüber Lovecrafts ausschweifenden Briefdialogen, die Aspekte seiner phantastischen Erzählungen in sie einbetten, baut sich Schmidt aus Elementen der literarisch empfundenen Wirklichkeit und Versatzstücken der medial verzerrten Realität die Welt seiner späten monologischen Prosa. Der Überblick über die Zitatfolge legt nahe, dass kurze Lovecraft-Zitate neben ihrer inhaltlichen Bedeutung im Rahmen des jeweiligen Dialogzusammenhangs auch eine signifikante Funktion für das Arrangement der längeren Lovecraft-Zitate im Dialogfragment erfüllen. Dabei verdanken die längeren Zitate ihre Stellung und Funktion einem konkreten Arrangement. Verwendete Schmidt in den späten Dialogromanen nach Zettel’s Traum das Mittel der ‚Etym-Analyse‘ nur noch sporadisch und zu komödiantischen Zwecken, wird sie in diesem Abschnitt darüber hinaus funktional eingesetzt, um durch Metalepsen die Trennung von Monolog und Analyse des Protagonisten aufzulösen. Mit der literarischen Verschränkung von Analysierendem und Analysiertem wird der klare Fokus der Lovecraft-Analyse aufgekündigt und der Protagonist des Romans wird als zweiter Fokus in die unmittelbare Nähe von Lovecraft gerückt.