Klassischer Utilitarismus und Demokratie
摘要
Der Utilitarismus entsteht als philosophische Lehre im späten 18. Jahrhundert nahezu zeitgleich mit den demokratischen Revolutionen in Frankreich und Nordamerika. Jeremy Bentham, sein Begründer, ist zugleich der erste Denker, der das Glück der größten Zahl auf systematische Weise mit den Prinzipien von Volkssouveränität, parlamentarischer Demokratie und (begrenzt) allgemeinem Wahlrecht verbindet. Der Beitrag zeigt, wie der frühe Bentham das parlamentarische Verfahren zunächst als ein deliberatives, indirekt-utilitaristisches Erkenntnisprogramm des allgemeinen Nutzens interpretiert und die politische Gleichheit jedes und jeder Einzelnen mit ihrem egalitären Anspruch auf Glück absichert. Der späte Bentham entwirft eine deutlich abweichende Theorie, in der Demokratie nahezu ausschließlich der Kontrolle selbstinteressierter Machthaber dient. John Stuart Mill verwirft diese Lehre und greift auf Motive des frühen Bentham zurück, um eine Konzeption deliberativer Demokratie als Erkenntnis- und Erziehungsprogramm zu etablieren. Heutige utilitaristische Ansätze knüpfen an die indirekt-utilitaristische Demokratiebegründung der Klassiker an, ohne doch deren epistemisches Verständnis kollektiver Entscheidungen zu übernehmen.