Trosterwartungen
摘要
Das nicht erwiderte Bedürfnis der Menschen nach Trost, nach Verbundenheit mit anderen Menschen, nach Verständnis, Wertschätzung, Anteilnahme in ihren Verlusterfahrungen, nach Getragenwerden, nach Anerkennung ihres Leids, nach Ablenkung, nach Wissensvermittlung über existenzielle Lebensthemen wird heute mit einer ständig wachsenden Vielfalt von monetarisierten Angeboten nach den Gesetzen der Ökonomie erkannt: Die Reiseindustrie hält eine Fülle von Vorschlägen zwischen Wellness und Wissensvermittlung bereit zum allgemeinen Umgang mit Leid und Trauer, zur Bewältigung von Einsamkeit, Verlusten, und zur Aneignung philosophischen Wissens: Von empathischer Führung über Geschwisterbeziehungen, philosophischer Selbstreflexion, Trauercoaching und sinnerfülltem Wandern bis hin zur proaktiven Gestaltung des Ruhestandes – hier ist der homo faber, die kreativ, zuversichtlich, frohgemut und gelassen ihr Leben gestaltende Person, angesprochen. Der homo patiens, der akut nicht sozial kompetente, leistungs- und reisefähige Mensch, kann in diesem Angebot nicht vorkommen, ebenso wenig wie die individuelle, eventuell als trostlos empfundene Lebenssituation adressiert werden kann. Philosophieseminare zu den großen Denkerschulen, besonders der Stoa, haben Hochkonjunktur. Alle diese Angebote sind an attraktiven Orten, verbunden mit Wanderungen, Mainstream-Wellness- und zumeist fernöstlichen Meditationsangeboten. Diese Veranstaltungen kontrastieren die großen Existenzphilosophen des vergangenen Jahrhunderts und die von ihnen offengelegte potenzielle Seinsangst des Menschen, die Absurdität, Sinn- und Trostlosigkeit der menschlichen Existenz, in der in Anbetracht der bedrängenden Krisen die humane Trostbedürftigkeit und Trostscham eng beieinanderliegen.