Kann das Subjekt der Spätmoderne überhaupt noch trösten? Während sich die äußeren Krisen verschärfen und von den Menschen zunehmend individuell existenziell erlebt werden, wurde Trost als menschliches Bedürfnis und als Fähigkeit im Lauf der Jahrhunderte der Aufklärung grundsätzlich als Bedürfnis, als anthropologische Konstante und als kulturell überlieferte Praxis infrage gestellt, als unmodern deklariert und geriet in allen professionellen Diskursen in das Abseits der Aufmerksamkeit. Mit dem Verweis auf den Zivilisationsbruch der Shoa und zwei disruptiven Kriegen mit den Kriegserfahrungen der Menschen wurde von einer kritischen Theorie des autoritären Charakters auch die humane Trostfähigkeit des Menschen grundsätzlich infrage gestellt. Hier bieten gerade die Erkenntnisse und Fortschritte der Neurobiologie und der aktuellen Soziologie Hinweise auf die im Menschen anthropologisch angelegten Fähigkeiten: Besonders die Resonanzfähigkeiten mit der Welt und in Beziehungen, die genetisch angelegte Empathie und das Mitgefühl sind hierbei die wissenschaftlich sehr gut beforschten Grundlagen der Trostfähigkeiten des Menschen. Diese Fähigkeiten gilt es, durch geeignete Rahmenbedingungen in eine welthaltige Trostpraxis einzubringen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass diese Fähigkeiten in der sich ständig beschleunigenden Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung unwiederbringlich verkümmern. Die Trostfähigkeit des Menschen ist, wie besonders alle Pflege- und Care-Tätigkeiten zeigen, auch im modernen Menschen vorhanden; gleichzeitig ist sie in hohem Maße bedroht, worauf gerade die neuere Forschung zur Prägung des Menschen durch die förderlichen oder hinderlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ebenso wie die anhaltende Debatte über die Wertschätzung dieser Tätigkeiten und Fähigkeiten zeigen.

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Können wir noch trösten?

  • Beate von Devivere

摘要

Kann das Subjekt der Spätmoderne überhaupt noch trösten? Während sich die äußeren Krisen verschärfen und von den Menschen zunehmend individuell existenziell erlebt werden, wurde Trost als menschliches Bedürfnis und als Fähigkeit im Lauf der Jahrhunderte der Aufklärung grundsätzlich als Bedürfnis, als anthropologische Konstante und als kulturell überlieferte Praxis infrage gestellt, als unmodern deklariert und geriet in allen professionellen Diskursen in das Abseits der Aufmerksamkeit. Mit dem Verweis auf den Zivilisationsbruch der Shoa und zwei disruptiven Kriegen mit den Kriegserfahrungen der Menschen wurde von einer kritischen Theorie des autoritären Charakters auch die humane Trostfähigkeit des Menschen grundsätzlich infrage gestellt. Hier bieten gerade die Erkenntnisse und Fortschritte der Neurobiologie und der aktuellen Soziologie Hinweise auf die im Menschen anthropologisch angelegten Fähigkeiten: Besonders die Resonanzfähigkeiten mit der Welt und in Beziehungen, die genetisch angelegte Empathie und das Mitgefühl sind hierbei die wissenschaftlich sehr gut beforschten Grundlagen der Trostfähigkeiten des Menschen. Diese Fähigkeiten gilt es, durch geeignete Rahmenbedingungen in eine welthaltige Trostpraxis einzubringen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass diese Fähigkeiten in der sich ständig beschleunigenden Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung unwiederbringlich verkümmern. Die Trostfähigkeit des Menschen ist, wie besonders alle Pflege- und Care-Tätigkeiten zeigen, auch im modernen Menschen vorhanden; gleichzeitig ist sie in hohem Maße bedroht, worauf gerade die neuere Forschung zur Prägung des Menschen durch die förderlichen oder hinderlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ebenso wie die anhaltende Debatte über die Wertschätzung dieser Tätigkeiten und Fähigkeiten zeigen.