Um 1910 erschienen in der neueren Germanistik zahlreiche Manifeste, die beanspruchten, die Disziplin aus dem Banne des Positivismus zu erlösen und in der Konsequenz nicht weniger forderten als eine ‚Revolution in der Literaturwissenschaft‘. Maximalistische Ansprüche dieser Art sind in programmatischen Manifesten nicht weiter problematisch, denn diese Textgattung erfüllt vordringlich andere Funktionen als die, empirisch überprüfbare Geltungsansprüche zu erheben. Behauptungen wie zum Beispiel die Rudolf Ungers, der Positivismus habe „[a]llen tieferen und schwierigeren Problemen der Literaturwissenschaft gegenüber [...] im Grunde versagt“, besaßen für Zeitgenossen vermutlich eine Art von Evidenz; sie lassen sich nicht in prüfbare Aussagen umformulieren. Selbst die ein wenig klarer umrissene Behauptung, Dilthey sei der Vorläufer der geistesgeschichtlichen Literaturwissenschaft gewesen, lässt sich, wie wir gezeigt haben, ohne weitläufige Interpretation empirisch kaum überprüfen.

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Dilthey gegen Scherer. Geistesgeschichte contra Positivismus. Zur Revision eines wissenschaftshistorischen Stereotyps

  • Tom Kindt,
  • Hans-Harald Müller

摘要

Um 1910 erschienen in der neueren Germanistik zahlreiche Manifeste, die beanspruchten, die Disziplin aus dem Banne des Positivismus zu erlösen und in der Konsequenz nicht weniger forderten als eine ‚Revolution in der Literaturwissenschaft‘. Maximalistische Ansprüche dieser Art sind in programmatischen Manifesten nicht weiter problematisch, denn diese Textgattung erfüllt vordringlich andere Funktionen als die, empirisch überprüfbare Geltungsansprüche zu erheben. Behauptungen wie zum Beispiel die Rudolf Ungers, der Positivismus habe „[a]llen tieferen und schwierigeren Problemen der Literaturwissenschaft gegenüber [...] im Grunde versagt“, besaßen für Zeitgenossen vermutlich eine Art von Evidenz; sie lassen sich nicht in prüfbare Aussagen umformulieren. Selbst die ein wenig klarer umrissene Behauptung, Dilthey sei der Vorläufer der geistesgeschichtlichen Literaturwissenschaft gewesen, lässt sich, wie wir gezeigt haben, ohne weitläufige Interpretation empirisch kaum überprüfen.