Das Volkslied in der Lyrik der Nachkriegszeit. Die Umformung der Tradition am Beispiel von Peter Rühmkorfs Variation auf „Abendlied“ von Matthias Claudius und Ingeborg Bachmanns Früher Mittag
摘要
Das Volkslied, das in der Nazizeit als Propagandainstrument instrumentalisiert wurde und nach dem Krieg meistens als eine veraltete anachronistische und ideologisch belastete Form galt, wurde in der Nachkriegszeit von einigen Autor:innen als typisch deutsche lyrische Form und Höhepunkt der klassischen und romantischen Lyrik wiederaufgenommen und komplexen Transformationen unterzogen. Im Aufsatz werden als Beispiele dieser Umformung der Tradition Peter Rühmkorfs Variation auf „Abendlied“ von Matthias Claudius und Ingeborg Bachmanns Früher Mittag analysiert, um zu zeigen, wie die Autor:innen zu einer Verwandlung dieser klassischen Form (Matthias Claudius’ Mondlied, J. W. Goethes Der König von Thule, W. Müllers Am Brunnen vor dem Tore) kamen, um durch die Parodie, die Kontrafaktur und die Demontage der Tradition das konservative Restaurationsklima und die ausufernde Vergangenheitsbewältigung zu bekämpfen und eine neue kulturelle Identität wiederaufzubauen, die sowohl von der nationalsozialistischen Verleugnung der Humanität als auch von der Indifferenz der Gegenwart Distanz nahm.