Von einer doppelten Überlegung kann bei der Betrachtung der geistlichen Werke VigiliaVigilia und Requiem-StrophenRequiem-Strophen ausgegangen werden. Einmal im Sinne Rihms, wenn er die Zeit der Musik mit der Lebenszeit vergleicht: Die Musik hebt an, dauert als Vergehen in der Zeit und endet, ungeachtet aller Maßnahmen, diese drei einzelnen Phasen zu akzentuieren. So kann vor der eigentlich beginnenden Musik immer auch etwas in Form einer Vor-Zeit vorausgesetzt werden, weil die Musik zumindest für den Interpreten bereits unterwegs ist; dann kann der eigentliche zeitliche Verlauf verkürzt oder sehr gedehnt werden; und das Enden kann im Sinne Schönbergs[aut]Schönberg, Arnold entweder definitiv schließen oder aufhören, auch mit der Implikation des Herausschiebens ins fast Unendliche, wie es in der Vortragsbezeichnung »al niente« zum Ausdruck kommt. Dies ist der eine Aspekt, der mit dem Vor-Zeitlichen und aufgeschobenen End-Zeitlichen über die Immanenz der Musik hinaus auf ihre Transzendenz verweist. Der andere Aspekt betrifft die Kennzeichnung Kierkegaards[aut]Kierkegaard, Søren vom Augenblick als dem Einbruch der Ewigkeit in die Zeit. Wenn Rihm von seiner Musik behauptet, dass sie nie einfach historisch sei oder etwas Zurückliegendes bezeichne, sondern mit jeder Aufführung ihre unmittelbare Gegenwart aufrufe und behaupte, dann gilt es, dabei eine rituelle Vergegenwärtigung des Augenblicks zu bedenken, durch die mit jeder Aufführung ein unabweisbarer Ursprung im Werk beglaubigt, ans Licht oder zu Gehör gebracht wird. Dies gilt für die geistlichen Werke Rihms wie auch für die Gedenkstücke, die er in memoriam für Karl Amadeus Hartmann[aut]Hartmann, Karl Amadeus, Pierre Boulez[aut]Boulez, Pierre und Luigi Nono[aut]Nono, Luigi komponierte und die im Anschluss thematisiert werden sollen. Hier gilt es, die zwei genannten geistlichen Werke näher in Augenschein und in den Hörwinkel zu bekommen. Sie stehen zwar in der liturgischen Tradition, suchen aber in den Requiem-StrophenRequiem-Strophen in der Verbindung mit späteren dichterischen Texten von Paul Celan[aut]Celan, Paul, Rainer Maria Rilke[aut]Rilke, Rainer Maria, Michelangelo[aut]Michelangelo Buonarroti und Johannes Bobrowski[aut]Bobrowski, Johannes eine Kommentarebene von heutiger Zeit auf, wodurch sie die Tradition der sakrosankten Gattungen aufbrechen und auf neue Weise das Verhältnis von Immanenz und Transzendenz zu bestimmen suchen. Dies gilt auch für die VigiliaVigilia, die nicht nur die sieben Teile der Responsorien aufnimmt, sondern ihnen jeweils reine Instrumentalstücke zur Seite stellt und als Höhepunkt ein Miserere bringt, in dem ein Wechselgesang zwischen A-cappella-Chören und Instrumentalstücken eine lebendige Einheit beider Besetzungen herstellt. Rihm folgt Gesualdos[aut]Gesualdo, Carlo Tenebrae, in denen auf die einzelnen Nummern aus den Responsorien am Schluss ein umfangreiches Miserere folgt. Eine besondere Facette gibt sich in ihnen im aufgesuchten Madrigalismus zu erkennen. Die späteren Requiem-StrophenRequiem-Strophen scheuen sich dagegen vor spektakulär ausgestellten Szenen des Jüngsten Gerichts im Dies irae, sondern sind eher demütig und zurückgenommen gehalten und rufen vergleichbare Zugänge auf, wie Gabriel Fauré[aut]Fauré, Gabriel sie in seinem Requiem suchte, auf das sich Rihm ausdrücklich bezogen hat.

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Sakrale Werke: Spiritualität und Transzendenz

  • Martin Zenck

摘要

Von einer doppelten Überlegung kann bei der Betrachtung der geistlichen Werke VigiliaVigilia und Requiem-StrophenRequiem-Strophen ausgegangen werden. Einmal im Sinne Rihms, wenn er die Zeit der Musik mit der Lebenszeit vergleicht: Die Musik hebt an, dauert als Vergehen in der Zeit und endet, ungeachtet aller Maßnahmen, diese drei einzelnen Phasen zu akzentuieren. So kann vor der eigentlich beginnenden Musik immer auch etwas in Form einer Vor-Zeit vorausgesetzt werden, weil die Musik zumindest für den Interpreten bereits unterwegs ist; dann kann der eigentliche zeitliche Verlauf verkürzt oder sehr gedehnt werden; und das Enden kann im Sinne Schönbergs[aut]Schönberg, Arnold entweder definitiv schließen oder aufhören, auch mit der Implikation des Herausschiebens ins fast Unendliche, wie es in der Vortragsbezeichnung »al niente« zum Ausdruck kommt. Dies ist der eine Aspekt, der mit dem Vor-Zeitlichen und aufgeschobenen End-Zeitlichen über die Immanenz der Musik hinaus auf ihre Transzendenz verweist. Der andere Aspekt betrifft die Kennzeichnung Kierkegaards[aut]Kierkegaard, Søren vom Augenblick als dem Einbruch der Ewigkeit in die Zeit. Wenn Rihm von seiner Musik behauptet, dass sie nie einfach historisch sei oder etwas Zurückliegendes bezeichne, sondern mit jeder Aufführung ihre unmittelbare Gegenwart aufrufe und behaupte, dann gilt es, dabei eine rituelle Vergegenwärtigung des Augenblicks zu bedenken, durch die mit jeder Aufführung ein unabweisbarer Ursprung im Werk beglaubigt, ans Licht oder zu Gehör gebracht wird. Dies gilt für die geistlichen Werke Rihms wie auch für die Gedenkstücke, die er in memoriam für Karl Amadeus Hartmann[aut]Hartmann, Karl Amadeus, Pierre Boulez[aut]Boulez, Pierre und Luigi Nono[aut]Nono, Luigi komponierte und die im Anschluss thematisiert werden sollen. Hier gilt es, die zwei genannten geistlichen Werke näher in Augenschein und in den Hörwinkel zu bekommen. Sie stehen zwar in der liturgischen Tradition, suchen aber in den Requiem-StrophenRequiem-Strophen in der Verbindung mit späteren dichterischen Texten von Paul Celan[aut]Celan, Paul, Rainer Maria Rilke[aut]Rilke, Rainer Maria, Michelangelo[aut]Michelangelo Buonarroti und Johannes Bobrowski[aut]Bobrowski, Johannes eine Kommentarebene von heutiger Zeit auf, wodurch sie die Tradition der sakrosankten Gattungen aufbrechen und auf neue Weise das Verhältnis von Immanenz und Transzendenz zu bestimmen suchen. Dies gilt auch für die VigiliaVigilia, die nicht nur die sieben Teile der Responsorien aufnimmt, sondern ihnen jeweils reine Instrumentalstücke zur Seite stellt und als Höhepunkt ein Miserere bringt, in dem ein Wechselgesang zwischen A-cappella-Chören und Instrumentalstücken eine lebendige Einheit beider Besetzungen herstellt. Rihm folgt Gesualdos[aut]Gesualdo, Carlo Tenebrae, in denen auf die einzelnen Nummern aus den Responsorien am Schluss ein umfangreiches Miserere folgt. Eine besondere Facette gibt sich in ihnen im aufgesuchten Madrigalismus zu erkennen. Die späteren Requiem-StrophenRequiem-Strophen scheuen sich dagegen vor spektakulär ausgestellten Szenen des Jüngsten Gerichts im Dies irae, sondern sind eher demütig und zurückgenommen gehalten und rufen vergleichbare Zugänge auf, wie Gabriel Fauré[aut]Fauré, Gabriel sie in seinem Requiem suchte, auf das sich Rihm ausdrücklich bezogen hat.