Trotz der zentralen und eingreifenden Funktion, die die Musik im Film innehat, indem sie ihn untermalt, emotional auflädt, räumlich vertieft, seine Zeitdimensionen verbreitert, verkürzt, beschleunigt oder unterbricht, wird die Musik doch immer als etwas später Hinzutretendes, eher als intensivierende Vermittlerin des Visuellen denn als eigenständiges Medium verstanden. Umgekehrt liegen die genetischen Verhältnisse in der Oper Prima la musica, poi le parole von Salieri[aut]Salieri, Antonio, wo ein Libretto zu einer bereits vorhandenen Musik erst noch geschrieben werden muss, obwohl sonst gewöhnlich das Szenario zuerst da ist. In Analogie hierzu hat Mauricio Kagel[aut]Kagel, Mauricio einen Film gedreht zu einer präexistenten Musik. Diese stammt von Dieter Schnebel[aut]Schnebel, Dieter und trägt den Titel Visible Music II, sie ist also bereits mit einem offenen Fenster für eine visuelle Realisierung versehen, der Kagel[aut]Kagel, Mauricio nicht widerstehen konnte. Sie liegt allerdings nicht als herkömmliche Partitur vor, deren klingende Gestalt in einer Aufführung Kagel[aut]Kagel, Mauricio lediglich verfilmt hätte, sondern innerhalb Schnebels[aut]Schnebel, Dieter Konzept einer »sichtbaren Musik« handelt es sich bei diesem Stück von 1960 mit dem Titel Nostalgie. Solo für einen Dirigenten um eine topographisch-mimetische Partitur, in der szenische Handlungsanweisungen niedergelegt sind. Demnach tritt der Dirigent einem realen oder auch nur vorgestellten Publikum gegenüber auf, das er dirigierend als ein imaginäres Ensemble behandelt. Bis auf wenige Lautäußerungen des Dirigenten, die seine suggestiven Gesten begleiten, und einige von Band kaum vernehmlich zugespielte Musiken des klassisch-romantischen und modernen Repertoires bleibt die Musik stumm. Die Gestik des Dirigenten soll im Zuschauer die Vorstellung einer möglichen Musik von hoher emotionaler Intensität erzeugen. Das Phantasma einer Musik ist wirklicher, als es eine reale Musik sein könnte. Es ist die Pointe an Kagels[aut]Kagel, Mauricio Film, dass er nicht der Gefahr erliegt, die imaginäre Musik ins real Erklingende zu versetzen. »Partitur« und filmische Umsetzung stehen im Kontext der in den 1960er-Jahren zentralen Auseinandersetzung mit der Intermedialität von »hörbarem Bild« und »sichtbarer Musik«, die maßgeblich von Kagel[aut]Kagel, Mauricio und Schnebel[aut]Schnebel, Dieter wie auch von John Cage[aut]Cage, John geprägt wurde.

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Neue Musik im Film

  • Martin Zenck

摘要

Trotz der zentralen und eingreifenden Funktion, die die Musik im Film innehat, indem sie ihn untermalt, emotional auflädt, räumlich vertieft, seine Zeitdimensionen verbreitert, verkürzt, beschleunigt oder unterbricht, wird die Musik doch immer als etwas später Hinzutretendes, eher als intensivierende Vermittlerin des Visuellen denn als eigenständiges Medium verstanden. Umgekehrt liegen die genetischen Verhältnisse in der Oper Prima la musica, poi le parole von Salieri[aut]Salieri, Antonio, wo ein Libretto zu einer bereits vorhandenen Musik erst noch geschrieben werden muss, obwohl sonst gewöhnlich das Szenario zuerst da ist. In Analogie hierzu hat Mauricio Kagel[aut]Kagel, Mauricio einen Film gedreht zu einer präexistenten Musik. Diese stammt von Dieter Schnebel[aut]Schnebel, Dieter und trägt den Titel Visible Music II, sie ist also bereits mit einem offenen Fenster für eine visuelle Realisierung versehen, der Kagel[aut]Kagel, Mauricio nicht widerstehen konnte. Sie liegt allerdings nicht als herkömmliche Partitur vor, deren klingende Gestalt in einer Aufführung Kagel[aut]Kagel, Mauricio lediglich verfilmt hätte, sondern innerhalb Schnebels[aut]Schnebel, Dieter Konzept einer »sichtbaren Musik« handelt es sich bei diesem Stück von 1960 mit dem Titel Nostalgie. Solo für einen Dirigenten um eine topographisch-mimetische Partitur, in der szenische Handlungsanweisungen niedergelegt sind. Demnach tritt der Dirigent einem realen oder auch nur vorgestellten Publikum gegenüber auf, das er dirigierend als ein imaginäres Ensemble behandelt. Bis auf wenige Lautäußerungen des Dirigenten, die seine suggestiven Gesten begleiten, und einige von Band kaum vernehmlich zugespielte Musiken des klassisch-romantischen und modernen Repertoires bleibt die Musik stumm. Die Gestik des Dirigenten soll im Zuschauer die Vorstellung einer möglichen Musik von hoher emotionaler Intensität erzeugen. Das Phantasma einer Musik ist wirklicher, als es eine reale Musik sein könnte. Es ist die Pointe an Kagels[aut]Kagel, Mauricio Film, dass er nicht der Gefahr erliegt, die imaginäre Musik ins real Erklingende zu versetzen. »Partitur« und filmische Umsetzung stehen im Kontext der in den 1960er-Jahren zentralen Auseinandersetzung mit der Intermedialität von »hörbarem Bild« und »sichtbarer Musik«, die maßgeblich von Kagel[aut]Kagel, Mauricio und Schnebel[aut]Schnebel, Dieter wie auch von John Cage[aut]Cage, John geprägt wurde.