Mancher Leser war vielleicht von Schönleins Motiv überrascht, das ihn dazu bewogen hatte, seine Badekur in der Schweiz abzubrechen und in das für ihn unsichere Deutschland zurückzukehren. Als Grund für seine kurzfristige Rückkehr gab er nämlich an, „einen Abstecher nach Frankf[ur]t [zu] machen, um dort vorzüglich wegen des Drucks meines Werkes Vorkehrungen zu treffen“. Aber hatten wir ihn nicht als einen der „schreibfaulsten großen Ärzte der Geschichte“ kennengelernt? Nun wollte er gleich ein ganzes Werk drucken lassen – und das ausgerechnet in seiner ungewissen beruflichen Situation. Um dies verstehen zu können, müssen wir noch einmal kurz zurück nach Würzburg blicken. Seit langem schon war Schönlein von vielen Seiten bedrängt worden, seine am Krankenbett gesammelten Beobachtungen und Erkenntnisse einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Man muss sich die damalige Situation vor Augen führen: Die ganze Heilkunde bestand aus einem Wirrwarr verschiedener philosophisch begründeter Auffassungen zur Krankheitsentstehung. Es gab noch keine medizinischen Lehrbücher mit systematischen Darstellungen verschiedener Erkrankungen, wie dies in der heutigen Medizin selbstverständlich ist. Diese mussten erst noch geschaffen werden. Schönlein und seine Mitarbeiter, die Protagonisten der „Naturhistorischen Schule“, hatten es sich zur Aufgabe gemacht, eine solche systematische Krankheitslehre – eine Nosologie – zu erarbeiten. Und hier war man auf einem sehr erfolgreichen Weg, wie der Zustrom von Studenten und bereits fertig ausgebildeten Ärzten an die Würzburger Universität bewies. Es gab nur zwei Haken an der Geschichte. Zum einen war Schönleins Nosologie noch nicht fertig, sondern wurde Tag für Tag aufgrund neuer Beobachtungen aus der Klinik geändert, angepasst und ergänzt: „Das System […] kam nie zum Stehen; jedes Jahr brachte neue Wechsel. Denn er selbst beobachtete immerfort, und er konnte sich nicht zu einer Veröffentlichung entschließen, bevor die Beobachtungen Stetigkeit erlangt hätten.“ Daraus folgte das zweite Problem: Die neuen Erkenntnisse der Schönlein’schen Schule konnte man nicht nachlesen, es gab sie nur in mündlicher Form und vor Ort in Würzburg.

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Plagiat und Purpura

  • Bernhard Manger

摘要

Mancher Leser war vielleicht von Schönleins Motiv überrascht, das ihn dazu bewogen hatte, seine Badekur in der Schweiz abzubrechen und in das für ihn unsichere Deutschland zurückzukehren. Als Grund für seine kurzfristige Rückkehr gab er nämlich an, „einen Abstecher nach Frankf[ur]t [zu] machen, um dort vorzüglich wegen des Drucks meines Werkes Vorkehrungen zu treffen“. Aber hatten wir ihn nicht als einen der „schreibfaulsten großen Ärzte der Geschichte“ kennengelernt? Nun wollte er gleich ein ganzes Werk drucken lassen – und das ausgerechnet in seiner ungewissen beruflichen Situation. Um dies verstehen zu können, müssen wir noch einmal kurz zurück nach Würzburg blicken. Seit langem schon war Schönlein von vielen Seiten bedrängt worden, seine am Krankenbett gesammelten Beobachtungen und Erkenntnisse einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Man muss sich die damalige Situation vor Augen führen: Die ganze Heilkunde bestand aus einem Wirrwarr verschiedener philosophisch begründeter Auffassungen zur Krankheitsentstehung. Es gab noch keine medizinischen Lehrbücher mit systematischen Darstellungen verschiedener Erkrankungen, wie dies in der heutigen Medizin selbstverständlich ist. Diese mussten erst noch geschaffen werden. Schönlein und seine Mitarbeiter, die Protagonisten der „Naturhistorischen Schule“, hatten es sich zur Aufgabe gemacht, eine solche systematische Krankheitslehre – eine Nosologie – zu erarbeiten. Und hier war man auf einem sehr erfolgreichen Weg, wie der Zustrom von Studenten und bereits fertig ausgebildeten Ärzten an die Würzburger Universität bewies. Es gab nur zwei Haken an der Geschichte. Zum einen war Schönleins Nosologie noch nicht fertig, sondern wurde Tag für Tag aufgrund neuer Beobachtungen aus der Klinik geändert, angepasst und ergänzt: „Das System […] kam nie zum Stehen; jedes Jahr brachte neue Wechsel. Denn er selbst beobachtete immerfort, und er konnte sich nicht zu einer Veröffentlichung entschließen, bevor die Beobachtungen Stetigkeit erlangt hätten.“ Daraus folgte das zweite Problem: Die neuen Erkenntnisse der Schönlein’schen Schule konnte man nicht nachlesen, es gab sie nur in mündlicher Form und vor Ort in Würzburg.