Literatur, Recht und die Normativität des Common Sense
摘要
Die volkssprachige Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit ist reich an Sprichwörtern, insbesondere an Rechtssprichwörtern, die oft als Speicher eines kollektiven common sense interpretiert werden, welcher rechtliche und soziale Normen vermittelt. Während die Forschung darin lange Hinweise auf gemeinsame Ursprünge von Recht und Literatur sah, werden Rechtssprichwörter hier als interdiskursive Knotenpunkte betrachtet, die verschiedene diskursspezifische Perspektiven auf die Welt konfrontieren. Clifford Geertz’ Konzept des common sense als dynamisches kulturelles System dient als Grundlage, wonach Sprichwörter verschiedene Bereiche kultureller Bedeutungsproduktion verbinden. Anhand des Sprichworts „Gnade geht vor Recht“ wird gezeigt, wie literarische Texte im Mittelalter rechtliche, theologische und politische Implikationen der Gnadenpräferenz spiegeln und als Brückenelemente in der Aushandlung kulturellen Wissens fungieren.