Mit der massiven Kritik an Kultur und Gesellschaft seiner Zeit, die Rousseau 1750 in seiner Abhandlung über die Wissenschaften und Künste (Discours sur les sciences et les arts) formulierte, gilt er nicht nur als derjenige, der das „Problem der Zivilisation“ (Goldschmidt 1980, 270) erstmals als solches identifizierte, sondern auch als Gründungsfigur der modernen Kulturkritik. Rousseaus These, die er in der Abhandlung formuliert, lautet im Kern, dass „unsere Seelen […] in dem Maße verdorben [sind], in dem unsere Wissenschaften und unsere Künste vollkommener geworden sind“ (Rousseau 1978a, I, 37; OC III, 9). Die gegenläufige Entwicklung zwischen zivilisatorischem Fortschritt und sittlichem Verfall bildet eine der Grundoppositionen, auf der Rousseaus Anthropologie und seine Geschichtsphilosophie aufbauen. Während er sie im ersten Diskurs rhetorisch entfaltet, entwickelt und begründet er sie jedoch erst im Diskurs über die Ungleichheit, dem zweiten Diskurs, auf systematische Weise (Discours sur lʼorigine et les fondements de lʼinégalité parmi les hommes, 1755). Festzuhalten gilt zunächst, dass Rousseau selbst diesen Prozess nicht mit dem Begriff der „civilisation“ bezeichnet. Dessen französischsprachige Verwendung im heutigen Sinne ist erstmalig 1756 bei Victor de Riquetti, Marquis de Mirabeau, in LʼAmi des hommes belegt und findet sich verbreitet erst ab den 1770er-Jahren. Rousseau gebraucht den Ausdruck nur in Verb- oder Partizipialform (civiliser, civilisé) und auch dies nur an wenigen Stellen; daneben findet sich auch das Wort „policer“ im heutigen Sinne von „zivilisieren“. Das Phänomen der Zivilisation umfasst bei Rousseau nur zu einem geringen Teil die Kultur im engeren Sinne, sondern vielmehr den gesamten Bedeutungshorizont, den der Ausdruck „civilisation“, wie Jean Starobinski in einer begriffsgeschichtlichen Studie für die 1770er-Jahre belegen kann, später umgreifen wird. Dieser reicht von der „Verfeinerung der Sitten“ über die „Entwicklung der Höflichkeit“ und der „künstlerischen und wissenschaftlichen Kultur“ bis hin zur „Entfaltung von Handel und Industrie“ und den damit verbundenen materiellen Lebensumständen (Starobinski 1989, 15). Als Sammelbegriff sowohl für den Prozess der Kultivierung als auch für dessen Resultat wird „Zivilisation“ im 19. Jahrhundert zu einem geschichtstheoretischen Grundbegriff für die Deutung der Geschichte als eines progressiven Geschehens (Starobinski 1989, 17).

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Zivilisation/Civilisation

  • Sonja Asal

摘要

Mit der massiven Kritik an Kultur und Gesellschaft seiner Zeit, die Rousseau 1750 in seiner Abhandlung über die Wissenschaften und Künste (Discours sur les sciences et les arts) formulierte, gilt er nicht nur als derjenige, der das „Problem der Zivilisation“ (Goldschmidt 1980, 270) erstmals als solches identifizierte, sondern auch als Gründungsfigur der modernen Kulturkritik. Rousseaus These, die er in der Abhandlung formuliert, lautet im Kern, dass „unsere Seelen […] in dem Maße verdorben [sind], in dem unsere Wissenschaften und unsere Künste vollkommener geworden sind“ (Rousseau 1978a, I, 37; OC III, 9). Die gegenläufige Entwicklung zwischen zivilisatorischem Fortschritt und sittlichem Verfall bildet eine der Grundoppositionen, auf der Rousseaus Anthropologie und seine Geschichtsphilosophie aufbauen. Während er sie im ersten Diskurs rhetorisch entfaltet, entwickelt und begründet er sie jedoch erst im Diskurs über die Ungleichheit, dem zweiten Diskurs, auf systematische Weise (Discours sur lʼorigine et les fondements de lʼinégalité parmi les hommes, 1755). Festzuhalten gilt zunächst, dass Rousseau selbst diesen Prozess nicht mit dem Begriff der „civilisation“ bezeichnet. Dessen französischsprachige Verwendung im heutigen Sinne ist erstmalig 1756 bei Victor de Riquetti, Marquis de Mirabeau, in LʼAmi des hommes belegt und findet sich verbreitet erst ab den 1770er-Jahren. Rousseau gebraucht den Ausdruck nur in Verb- oder Partizipialform (civiliser, civilisé) und auch dies nur an wenigen Stellen; daneben findet sich auch das Wort „policer“ im heutigen Sinne von „zivilisieren“. Das Phänomen der Zivilisation umfasst bei Rousseau nur zu einem geringen Teil die Kultur im engeren Sinne, sondern vielmehr den gesamten Bedeutungshorizont, den der Ausdruck „civilisation“, wie Jean Starobinski in einer begriffsgeschichtlichen Studie für die 1770er-Jahre belegen kann, später umgreifen wird. Dieser reicht von der „Verfeinerung der Sitten“ über die „Entwicklung der Höflichkeit“ und der „künstlerischen und wissenschaftlichen Kultur“ bis hin zur „Entfaltung von Handel und Industrie“ und den damit verbundenen materiellen Lebensumständen (Starobinski 1989, 15). Als Sammelbegriff sowohl für den Prozess der Kultivierung als auch für dessen Resultat wird „Zivilisation“ im 19. Jahrhundert zu einem geschichtstheoretischen Grundbegriff für die Deutung der Geschichte als eines progressiven Geschehens (Starobinski 1989, 17).