In Racines Tragödien Alexandre le Grand und Athalie zeichnet sich die jeweilige Titelfigur durch einen späten ersten Auftritt bzw. eine relativ seltene körperliche Bühnenpräsenz aus. Bei der Darstellung beider Figuren lassen sich jedoch Formen virtueller Präsenz beobachten, durch die eine gewisse Lenkung des Konflikts aus dem Hintergrund geschehen kann z. B. durch die Präsenz in den Reden anderer Figuren oder die Übermittlung von Worten durch Gesandte. Während die Dramaturgie der Präsenz die Figurenkonzeption Alexandres als fremder Kolonialherr unterstreicht, der den Bühnenschauplatz erobert, zeigt sich in der Inkonsistenz der Selbst- und Fremddarstellung der Athalie ihre mangelnde Anerkennung als fremde Herrscherin. Insgesamt ermöglicht das Konzept der virtuellen Bühnenpräsenz eine genauere Abstufung und Beschreibung der Präsenz einzelner Figuren und kann als Schlüssel zu deren Figurenkonzeption dienen. Somit eignet es sich als Denkfigur jenseits des Dualismus von Präsenz und Absenz. Aus diesen Beobachtungen ergibt sich folgende Fragestellung: Wie wirken sich Formen textueller Bühnenpräsenz auf die Darstellung einer bestimmten Figur als fremde Herrscherfigur aus und welches Verhältnis entsteht zwischen Fremdheit, Präsenz und Handlungsmacht? Fremdheit soll in diesem Zusammenhang als dem Schauplatz bzw. der im Drama inszenierten gesellschaftlichen Ordnung nicht zugehörig verstanden werden. Eine solche Nichtzugehörigkeit kann sich aus ethnischen oder religiösen Differenzen innerhalb der Figurenkonstellation ergeben. Das Paradox von Nichtzugehörigkeit zur dramaturgisch dominanten Ordnung und gleichzeitiger Machtposition innerhalb der Figurenkonstellation zeichnet die Hauptfiguren in den beiden Stücken Alexandre le Grand (1665) und Athalie (1691) aus. Bevor diese beiden Dramen auf den Zusammenhang zwischen den Präsenzformen der jeweiligen Titelfigur und der Figurenkonzeption als fremde Herrscherfigur analysiert werden, soll zunächst ein theoretisches Präsenzkonzept erarbeitet werden, das eine Beschreibung und Interpretation der verschiedenen Präsenzformen der Figuren ermöglicht.

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Formen virtueller Präsenz in der Racineschen Tragödie: Alexandre le Grand (1665) und Athalie (1691)

  • Melanie Reinhard

摘要

In Racines Tragödien Alexandre le Grand und Athalie zeichnet sich die jeweilige Titelfigur durch einen späten ersten Auftritt bzw. eine relativ seltene körperliche Bühnenpräsenz aus. Bei der Darstellung beider Figuren lassen sich jedoch Formen virtueller Präsenz beobachten, durch die eine gewisse Lenkung des Konflikts aus dem Hintergrund geschehen kann z. B. durch die Präsenz in den Reden anderer Figuren oder die Übermittlung von Worten durch Gesandte. Während die Dramaturgie der Präsenz die Figurenkonzeption Alexandres als fremder Kolonialherr unterstreicht, der den Bühnenschauplatz erobert, zeigt sich in der Inkonsistenz der Selbst- und Fremddarstellung der Athalie ihre mangelnde Anerkennung als fremde Herrscherin. Insgesamt ermöglicht das Konzept der virtuellen Bühnenpräsenz eine genauere Abstufung und Beschreibung der Präsenz einzelner Figuren und kann als Schlüssel zu deren Figurenkonzeption dienen. Somit eignet es sich als Denkfigur jenseits des Dualismus von Präsenz und Absenz. Aus diesen Beobachtungen ergibt sich folgende Fragestellung: Wie wirken sich Formen textueller Bühnenpräsenz auf die Darstellung einer bestimmten Figur als fremde Herrscherfigur aus und welches Verhältnis entsteht zwischen Fremdheit, Präsenz und Handlungsmacht? Fremdheit soll in diesem Zusammenhang als dem Schauplatz bzw. der im Drama inszenierten gesellschaftlichen Ordnung nicht zugehörig verstanden werden. Eine solche Nichtzugehörigkeit kann sich aus ethnischen oder religiösen Differenzen innerhalb der Figurenkonstellation ergeben. Das Paradox von Nichtzugehörigkeit zur dramaturgisch dominanten Ordnung und gleichzeitiger Machtposition innerhalb der Figurenkonstellation zeichnet die Hauptfiguren in den beiden Stücken Alexandre le Grand (1665) und Athalie (1691) aus. Bevor diese beiden Dramen auf den Zusammenhang zwischen den Präsenzformen der jeweiligen Titelfigur und der Figurenkonzeption als fremde Herrscherfigur analysiert werden, soll zunächst ein theoretisches Präsenzkonzept erarbeitet werden, das eine Beschreibung und Interpretation der verschiedenen Präsenzformen der Figuren ermöglicht.