Singing Heimat: Musikkollektive Praktiken
摘要
»Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder« lautet ein noch heute viel zitiertes Sprichwort aus dem frühen 19. Jahrhundert.1 Ausgesprochen ist damit zweierlei: die Einladung, sich einer Gemeinschaft Singender anzuschließen, sowie die Feststellung, dass alle Nicht-Singenden außerhalb dieser Gemeinschaft keine guten Menschen sind, nicht dazugehören, ja dass von ihnen sogar eine Gefahr ausgeht. Der Schutzraum des gemeinsamen Singens erzeugt Verbundenheit, während die »bösen Menschen« dies nicht haben, sie sind Heimatlose, Individuen ohne kollektive Praktiken. Sie stehen außerhalb der Gemeinschaft, die im Singen selbst und nur dadurch erzeugt wird – eine Idee, die vor allem in Johann Gottfried Herders Liedpoetik, die in der Praxis des Singens die kulturellen und moralischen Werte eines »Volksgeistes« verwirklicht sah, eine starke Wirkung entfaltete, bevor der Begriff politisch-national und damit ideologisch aufgeladen wurde.2