Etymologisch handelt es sich beim Fragment (lat. fragmentum) um das Bruchstück einer nicht mehr verfügbaren Ganzheit (eines Bau- oder Kunstwerks, später: eines Textes), die archäologische oder philologische Rekonstruktionsversuche freisetzen kann. Das Fragment konnotiert somit unweigerlich Unvollständigkeit. Die ursprüngliche, retrospektive Orientierung des Begriffs erfährt insbesondere in der deutschen Frühromantik eine für die Moderne folgenreiche Umbesetzung. Sowohl in Friedrich Schlegels Athenäums-Fragmenten als auch in Novalis’ Blüthenstaub-Fragmenten wird ‚Fragment‘ uneigentlich für ‚Aphorismus‘ verwendet und dient vorrangig der polemischen Absetzung von einer auf Vollständigkeit und Ganzheit zielenden Systemphilosophie. Das Fragment als anti-systematische Operation weist einen grundlegend abweichenden Zeitbezug auf. Es verweist nicht mehr auf die Integrität eines verloren gegangenen Sinn- oder Formzusammenhangs, vielmehr konstituiert es den pragmatischen Anfangspunkt einer Sinnproduktion, für die die Dimension der Rezeption unabdingbar ist. Das Fragment wird prospektiv, verweist auf künftige Sinnmöglichkeiten, auf Ausdeutungen und Fortschreibungen seiner Sinnsuggestionen.

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Fragment

  • Paul Strohmaier

摘要

Etymologisch handelt es sich beim Fragment (lat. fragmentum) um das Bruchstück einer nicht mehr verfügbaren Ganzheit (eines Bau- oder Kunstwerks, später: eines Textes), die archäologische oder philologische Rekonstruktionsversuche freisetzen kann. Das Fragment konnotiert somit unweigerlich Unvollständigkeit. Die ursprüngliche, retrospektive Orientierung des Begriffs erfährt insbesondere in der deutschen Frühromantik eine für die Moderne folgenreiche Umbesetzung. Sowohl in Friedrich Schlegels Athenäums-Fragmenten als auch in Novalis’ Blüthenstaub-Fragmenten wird ‚Fragment‘ uneigentlich für ‚Aphorismus‘ verwendet und dient vorrangig der polemischen Absetzung von einer auf Vollständigkeit und Ganzheit zielenden Systemphilosophie. Das Fragment als anti-systematische Operation weist einen grundlegend abweichenden Zeitbezug auf. Es verweist nicht mehr auf die Integrität eines verloren gegangenen Sinn- oder Formzusammenhangs, vielmehr konstituiert es den pragmatischen Anfangspunkt einer Sinnproduktion, für die die Dimension der Rezeption unabdingbar ist. Das Fragment wird prospektiv, verweist auf künftige Sinnmöglichkeiten, auf Ausdeutungen und Fortschreibungen seiner Sinnsuggestionen.