„Die Armennoth“ und unpublizierte Schriften über das Armenwesen
摘要
Seit 1831 beunruhigte die wachsende Zahl von working poors Gemeindepolitiker, Lehrer und die traditionell für die Armenpflege zuständigen Pfarrer im Kanton Bern. Gotthelfs Armennoth war ein früher Beitrag zur Pauperismus-Frage. 1833 hatte Gotthelfs Amtsbruder Samuel Rudolf Fetscherin (1780–1851) anonym Briefe über das Armenwesen herausgebracht. Das Thema ‚Pauperismus‘ forderte ab den 1830er-Jahren gemeinnützige Vereine wie die 1810 in Zürich gegründete Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft heraus (vgl. Jäggi 2009; Schumacher 2011; Künzler 2020, 324–326). Kantonale und private Vereine, die sich um Armenspitäler, Suppenküchen und Erziehungsanstalten kümmerten, entstanden im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. Neuartig war, dass die Armut nicht mehr globalen wirtschaftlichen Einbrüchen zu folgen schien, sondern dass Arme, die sich früher nach konjunkturbedingter Hilfe wieder selbst versorgen konnten, auf einmal ständig auf Fürsorge angewiesen blieben. Gotthelf stellte in der Armennoth fest: „Es liegt also außer allem Zweifel, daß die Armuth zunimmt, die fremde Hülfe Ansprechenden immer zahlreicher werden, und zwar, das ist das Schreckenerregende, nicht durch äußere, besondere Ereignisse wird diese Zunahme erzeugt; der Strom läuft nicht wieder ab, wenn die Gewitter vorüber sind; seine Wasser schwellen mächtiger und mächtiger auf bei klarem Himmel, trockener Luft. Es ist also die Armut eine andere geworden, als sie ehedem war“ (HKG F.3.1, 22). Der ländliche Pauperismus legte eine Krise im sozialen Gefüge offen, welche zeitgenössisch nur ungenügend erklärt werden konnte (Ludi et al. 2011, 194). Der Pfarrer von Lützelflüh zeigte 1839 mit den Mitteln seiner Erzählkunst Ursachen des Pauperismus und Wege zur nachhaltigen Lösung auf. Er empfahl in der Armennoth (11840, 21851) seinem Lesepublikum, Bäuer*innen, Lehrpersonen, Pfarrkollegen und den kantonalen Politikern Armenerziehungsanstalten als langfristig wirksames Mittel zur Abhilfe.