Bakteriologie contra Sozialmedizin
摘要
Der Münchener Prof. Max von Pettenkofer (1818–1901), der weltweit erste Lehrstuhlinhaber für das neue Fach Hygiene, und Prof. Rudolf Virchow (1821–1902), Berlin, galten lange als die bedeutendsten deutschen Mediziner im 19. Jahrhundert. Ihre medizinischen Konzepte und ihr Rat standen auch in der Politik hoch im Kurs. Prof. Oskar Liebreich (1839–1908) galt als Pharmakologe der Charité ebenfalls als Koryphäe. Alle drei erkannten Kochs Leistungen in der Identifikation von Erregern an – aber sie hielten an realistischen Bewertungsmaßstäben auch für die immer dominanter auftretende bakteriologische Schule fest. Und konkrete Heilerfolge konnte Koch trotz neuer mikrobiologischer Erkenntnisse einfach nicht vorweisen. Die Reaktion von Robert Koch und seinen Anhängern auf die Mahnung zum ärztlichen Realismus bestand darin, den Kritikern die wissenschaftliche Urteilsfähigkeit abzusprechen und sie als Ewiggestrige zu diffamieren. Für die gerade von Virchow immer wieder betonten, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungsfaktoren bei der Entstehung von Krankheiten hatte Koch ebenso wenig wie sein Schüler Emil von Behring (1854–1917) ein Sensorium. Pettenkofer trank in einem berühmten, erfolgreichen Selbstversuch als über 70-Jähriger ein Glas mit Cholera-Erregern, um zu demonstrieren, dass die Furcht vor Erregern übertrieben ist und es immer auch darauf ankommt, wie gesund und abwehrfähig der Mensch insgesamt ist.