Arzt contra Bakteriologie
摘要
Als wissenschaftlich vielseitig interessierter Gesundheitsforscher und innovativer Arzt entfaltete der am Universitätsklinikum in Breslau arbeitende Prof. Dr. Ottomar Rosenbach (1851–1907) eine rege publizistische Aktivität – gerade auch in der Tuberkulin-Krise der Jahre 1890/1891. Seine Beiträge zeichnen sich nicht nur durch eine erfahrungsgesättigte Argumentation und eine experimentellen Verfahren gegenüber durchaus aufgeschlossene Grundhaltung aus, sondern auch dadurch, dass Rosenbach wie kaum ein zweiter mentalitätsbezogene, sozialpolitische und gesellschaftstheoretische Überlegungen in seine Analysen einbezog. Rosenbachs Beobachtungen scheinen gelegentlich Analysen der Disziplinarmacht vorwegzunehmen, die im Werk von Michel Foucault Ende des 20. Jahrhunderts einen bedeutenden Einfluss in der Sozialwissenschaft erhalten haben. So wenn er feststellte, dass die Gesellschaft, „scheinbar im eigenen Interesse, gezwungen werden [müsse], den Götzen als Gottheit anzuerkennen“. Als „Tagesgötze“ beschreibt er immer neue, als ansteckend deklarierte Krankheitsgefahren, bei denen „nicht einmal der Schatten einer Berechtigung zur Furcht vor direkter Ansteckung besteht“. Rosenbach konstatiert eine forcierte „Bacillenfurcht“ als „Signatur der Zeit“, eine ins manische gesteigerte „geistige Epidemie“. Wenn Ärzte ihr eigenes Urteilsvermögen zugunsten von Labordiagnosen verlieren, komme dies ihrer Selbstabschaffung gleich.