Der Beitrag befasst sich mit Artikulationen von ‚Freude‘ als lyrischem Affekt in Dichtungen aus der Zeit um 1300 und 1800. Die Troubadourlyrik des 12. Jahrhunderts hat dafür den Begriff joy ausgeprägt. Gemäß einer nicht unumstrittenen These könnte sich gar die Dichterbezeichnung trobador von dem arabischen Wort ṭarab ableiten, das seinerseits den Zustand einer durch Poesie oder Musik ausgelösten sinnlichen ‚Freude‘ und Verzückung bezeichnet (Vermittlung über andalusisch-provenzalische Kontaktbewegungen). Im ersten Teil des Beitrags werden ‚Migrationen‘ (Nachwirkungen und Umbesetzungen) dieser Konzeption an ausgewählten Beispielen der Lyrik um 1300 untersucht, in denen die ‚Freude‘ auf unterschiedliche Weise thematisiert und performiert wird (bei Guido delle Colonne, Iacopone da Todi, Heinrich Frauenlob). Im zweiten Teil werden die mittelalterlichen Artikulationen mit Friedrich Schillers Gedicht An die Freude (Erstfassung 1785, überarbeiteter Druck 1803) konfrontiert, das mit den darin fassbaren republikanischen Idealen und dem an Shaftesbury orientierten ‚Enthusiasmus‘ einem gänzlich anderen Geist verpflichtet ist, dabei aber zugleich Tendenzen einer Resakralisierung erkennen lässt. Die intensive, bis in die Gegenwart andauernde, durch den Schlusssatz aus Beethovens 9. Symphonie (von 1822/4) beförderte Rezeption lässt ermessen, dass der in dem arabischen Konzept ṭarab enthaltene Anspruch eines durch Poesie und Musik erweckten Affekts noch in aktuellen, symbolisch je spezifisch besetzten Aufführungssituationen evoziert werden kann (etwa mit Bernsteins Ode an die Freiheit, Berlin 1989, oder als Kinshasa Symphony, 2010).

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Joy. Freude als lyrischer Affekt

  • Michael Stolz

摘要

Der Beitrag befasst sich mit Artikulationen von ‚Freude‘ als lyrischem Affekt in Dichtungen aus der Zeit um 1300 und 1800. Die Troubadourlyrik des 12. Jahrhunderts hat dafür den Begriff joy ausgeprägt. Gemäß einer nicht unumstrittenen These könnte sich gar die Dichterbezeichnung trobador von dem arabischen Wort ṭarab ableiten, das seinerseits den Zustand einer durch Poesie oder Musik ausgelösten sinnlichen ‚Freude‘ und Verzückung bezeichnet (Vermittlung über andalusisch-provenzalische Kontaktbewegungen). Im ersten Teil des Beitrags werden ‚Migrationen‘ (Nachwirkungen und Umbesetzungen) dieser Konzeption an ausgewählten Beispielen der Lyrik um 1300 untersucht, in denen die ‚Freude‘ auf unterschiedliche Weise thematisiert und performiert wird (bei Guido delle Colonne, Iacopone da Todi, Heinrich Frauenlob). Im zweiten Teil werden die mittelalterlichen Artikulationen mit Friedrich Schillers Gedicht An die Freude (Erstfassung 1785, überarbeiteter Druck 1803) konfrontiert, das mit den darin fassbaren republikanischen Idealen und dem an Shaftesbury orientierten ‚Enthusiasmus‘ einem gänzlich anderen Geist verpflichtet ist, dabei aber zugleich Tendenzen einer Resakralisierung erkennen lässt. Die intensive, bis in die Gegenwart andauernde, durch den Schlusssatz aus Beethovens 9. Symphonie (von 1822/4) beförderte Rezeption lässt ermessen, dass der in dem arabischen Konzept ṭarab enthaltene Anspruch eines durch Poesie und Musik erweckten Affekts noch in aktuellen, symbolisch je spezifisch besetzten Aufführungssituationen evoziert werden kann (etwa mit Bernsteins Ode an die Freiheit, Berlin 1989, oder als Kinshasa Symphony, 2010).