Die arabischsprachige Literatur findet – vielleicht ist dies einer der größten Gegensätze zu europäischen Traditionen überhaupt – immer und seit jeher im Dialogischen statt: Es sind der Dialog sowohl zwischen verschiedenen Binnen-personae als auch das diskursive Element der Kommentar-Genres oder aber das ‚Erzeugen‘ von Literatur und literarischer Expertise im Vorlesen bzw. Rezitieren und Anhören von Texten. Das Oszillieren zwischen einem (un-)eindeutigen Ich und einem vielgestaltigen Du ist kennzeichnend für die dialogische Form, bzw. direkte Anrede, welche die anderthalb Jahrtausende währende arabischsprachige Literaturtradition von der Makro- zur Mikroebene durchzieht. Dies ist an zwei Textbeispielen gezeigt. Das erste, ein weltliterarischer locus classicus in der Form eines Prosadialogs, der ursprünglich aus dem 8. Jahrhundert stammt aber aus viel späterer Zeit erhalten ist, nämlich das ethisch-philosophische Selbstgespräch des zoroastrischen Arztes Burzoy mit seiner Seele aus dem Weisheits- und Fabelbuch Kalīla wa-Dimna. Das zweite ist eine Qaṣīda (Lobgedicht) des wohl berühmtesten arabischen Dichters al-Mutanabbī (gest. 965) mit stabiler Textgeschichte aus dem 10. Jahrhundert. Diese zeigt die lyrische Kommunikation, die das Ich des Dichters einem vielgestaltigen Du gegenüberstellt.

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Das facettierte Ich: Apostrophe auf Arabisch

  • Beatrice Gruendler,
  • Dima Mustafa Sakran

摘要

Die arabischsprachige Literatur findet – vielleicht ist dies einer der größten Gegensätze zu europäischen Traditionen überhaupt – immer und seit jeher im Dialogischen statt: Es sind der Dialog sowohl zwischen verschiedenen Binnen-personae als auch das diskursive Element der Kommentar-Genres oder aber das ‚Erzeugen‘ von Literatur und literarischer Expertise im Vorlesen bzw. Rezitieren und Anhören von Texten. Das Oszillieren zwischen einem (un-)eindeutigen Ich und einem vielgestaltigen Du ist kennzeichnend für die dialogische Form, bzw. direkte Anrede, welche die anderthalb Jahrtausende währende arabischsprachige Literaturtradition von der Makro- zur Mikroebene durchzieht. Dies ist an zwei Textbeispielen gezeigt. Das erste, ein weltliterarischer locus classicus in der Form eines Prosadialogs, der ursprünglich aus dem 8. Jahrhundert stammt aber aus viel späterer Zeit erhalten ist, nämlich das ethisch-philosophische Selbstgespräch des zoroastrischen Arztes Burzoy mit seiner Seele aus dem Weisheits- und Fabelbuch Kalīla wa-Dimna. Das zweite ist eine Qaṣīda (Lobgedicht) des wohl berühmtesten arabischen Dichters al-Mutanabbī (gest. 965) mit stabiler Textgeschichte aus dem 10. Jahrhundert. Diese zeigt die lyrische Kommunikation, die das Ich des Dichters einem vielgestaltigen Du gegenüberstellt.