Einem besonders in Deutschland noch immer wirkmächtigen literaturgeschichtlichem Narrativ zufolge wird das Gedicht um 1800 zum intimen Resonanzraum der Zwiesprache des Subjekts mit sich selbst oder höchstens noch mit seinen (meistens abwesenden) Freunden. In der deutschsprachigen Lyrik ist der Übergang geselliger Formen (etwa im Rokoko) zur empfindsamen Seelenaussprache des individuellen Autorsubjekts bevorzugt an Goethe vorgestellt worden. Die dauerhafte Konjunktur rhetorischer Apostrophen, also der Durchbrechung der lyrisch beschworenen Isolation durch Adressierungen im Gedicht und des Gedichts, ist geeignet, diese schon länger in Zweifel gezogene Vorstellung eines Paradigmenwechsels und einer der ‚Sattelzeit‘ korrespondierenden Epochenzäsur um 1800 erneut infrage zu stellen.

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Einführung

  • Eva Geulen

摘要

Einem besonders in Deutschland noch immer wirkmächtigen literaturgeschichtlichem Narrativ zufolge wird das Gedicht um 1800 zum intimen Resonanzraum der Zwiesprache des Subjekts mit sich selbst oder höchstens noch mit seinen (meistens abwesenden) Freunden. In der deutschsprachigen Lyrik ist der Übergang geselliger Formen (etwa im Rokoko) zur empfindsamen Seelenaussprache des individuellen Autorsubjekts bevorzugt an Goethe vorgestellt worden. Die dauerhafte Konjunktur rhetorischer Apostrophen, also der Durchbrechung der lyrisch beschworenen Isolation durch Adressierungen im Gedicht und des Gedichts, ist geeignet, diese schon länger in Zweifel gezogene Vorstellung eines Paradigmenwechsels und einer der ‚Sattelzeit‘ korrespondierenden Epochenzäsur um 1800 erneut infrage zu stellen.