Einführung
摘要
Zielorientierung ist ein hochrelevantes, aber in vielen Bereichen immer wieder und, wie mir scheint, in jüngerer Zeit immer weiter vernachlässigtes Thema in der Psychotherapie. Gerade in der Verhaltenstherapie war die Ausrichtung bis in die 90er-Jahre deutlich zielfokussiert (s. z. B. Kanfer et al., 2012). Mit Weiterentwicklungen der dritten Welle der Verhaltenstherapie scheint das Thema Zielfestlegung und zielorientiertes Arbeiten mehr und mehr in den Hintergrund zu rücken. Es scheint oft näher zu liegen, bei Psychotherapie direkt an Inhalte zu denken: Diagnose, Interventionen, Störungsmodell, biografische Informationen. Therapieziele gehören in den Bereich „Struktur“, der oft bei Kolleginnen eher unbeliebt ist, manchmal als lästig angesehen wird. In der Supervision erlebe ich oft, dass der Leidensdruck der Patientinnen unmittelbar auffordernd auf die jungen Kolleginnen wirkt, sie wollen helfen, Leid reduzieren, schnell Besserung für den Patienten erzielen. Das ist sehr verständlich und etwas, das alle Kolleginnen sicher gut kennen. Wenn in der Ausbildung dann erwartet wird, dass mit den Patientinnen zuerst Ziele besprochen und festgehalten werden sollen, ist das oft unbeliebt. Patienten wiederum wollen Hilfe bei ihren Problemen, keine Diskussion über theoretisch mögliche Ergebnisse in der Zukunft und verstärken damit unbeabsichtigt die Tendenz, dass über konkrete Ziele mit ihnen manchmal eher wenig gesprochen wird. Bei erfahreneren Kolleginnen ergibt sich dagegen oft das Problem, dass man selbst als Psychotherapeutin doch recht schnell eine Idee bekommt, wo die Reise mit einer Patientin hingehen könnte. Diagnose und Symptomatik rufen schnell Ideen für mögliche Interventionen hervor, auch ohne dass mit dem Patienten zuerst noch explizit über dessen Ziele für eine Behandlung gesprochen wird. In vielen Fällen geht die Rechnung auf, die Zielfindung eher zu vernachlässigen: Die Erfahrung, welche Richtung für eine bestimmte Patientin vielleicht hilfreich sein könnte, trifft oft genug zu, der Weg kann sich auch beim Gehen in eine gute Richtung entwickeln und schließlich: eine nicht geringe Anzahl Patientinnen sind aus vielen verschiedenen Gründen Non-Responder, was gar nichts mit Therapiezielen zu tun haben muss. Die Verhaltenstherapie kennt die treffenden Bezeichnungen für dieses Phänomen: Wir werden ausreichend verstärkt bzw. unzureichend bestraft für nicht stattfindende Zielfestlegung. Oder einfacher formuliert: Es geht auch ohne Zielfokussierung gut genug. Was aber niemand sagen kann: Wieviel besser könnten psychotherapeutische Ergebnisse mit einer klaren Zielfokussierung sein? Aufgrund meiner Erfahrung mit zahlreichen stockenden Behandlungsverläufen in der Supervision vermute ich, dass sich viele Schwierigkeiten im Verlauf vermeiden lassen könnten, wenn in der Psychotherapie von Beginn an ein stärkerer Fokus auf die explizite Besprechung von Therapiezielen mit Patienten gelegt werden würde. Dabei glaube ich außerdem, dass in der Psychotherapieausbildung zum Teil leider ein gegenteiliger Effekt passiert: Junge Kolleginnen werden langfristig eher abgeschreckt, sich mit Zielen zu befassen, da Ziele in Ausbildungsinstituten oft mit dem einen Verfahren Goal Attainment Scaling (GAS) gleichgesetzt werden. Auch in diesem Buch geht es in einem Kapitel um das GAS, eine sinnvolle Strategie, um sich detailliert mit Zielen zu befassen. Dass diese Intervention aber auch abschrecken könnte, liegt an ihrem Umfang und der Genauigkeit, mit der sie umgesetzt werden sollte. Ich habe oft erlebt, dass Kollegen sich nach der Ausbildung nie wieder mit GAS auseinandersetzen, weil es unrealistisch scheint, in der Praxis so viel Zeit und Detailliertheit in die Zielfestlegung zu legen. Dieses Argument trifft in vielen Settings zu und ist nachvollziehbar. Vor allem im stationären Kontext, aber auch in ambulanten Kurzzeittherapien ist es illusorisch, womöglich mehr als eine Therapiestunde nur für die Zielfestlegung zu nutzen. Schade ist aber, dass die Kollegen keinen anderen, flexibleren Umgang mit Therapiezielen erlernt haben und damit die Rechnung lautet: Entweder GAS oder gar keine Zielfindung. Dadurch entsteht der Effekt, dass die gut gemeinte Vermittlung des GAS in den Psychotherapieausbildungen womöglich dazu führt, dass insgesamt Psychotherapie auf lange Sicht sogar weniger zielorientiert umgesetzt wird.