Anfang des 20. Jahrhunderts beginnen männliche Autoren, sich und ihre Produktion systematisch schriftlich zu überwachen. Ihre Notizen, Tagebücher, Arbeitsjournale und Briefe verraten dabei eine Obsession: die Parallelität von körperlicher und schriftstellerischer Leistungsbereitschaft. Und ein Phantasma: die planmäßige Herstellung von »Arbeitsstimmung« mittels konsequenter Dokumentation der Lebensführung. Gründe dafür sind 1.) ein zeitgenössisches physiologisches Diskursgewimmel aus Diätetik, Sport-, Sexual- und Arbeitswissenschaft, das sein Wissen teilweise selbst an Schriftstellern bildet, 2.) ein öffentliches Interesse an literarischen Werkstattberichten in Form von Rundfragen, Fragebögen und Homestorys, das wiederum selbst wissenschaftlich verwertet wird und 3.) die soziale Leitfigur des »erfolgreichen Menschen«, in deren Umfeld Fragen nach der Organisation und Rationalisierung auch geistiger Arbeit gestellt werden. Unter dem Stichwort des »Taylorismus der Geistesarbeit« zeigt der Beitrag beispielhaft anhand von Robert Musils Arbeitsprotokoll zum 2. Band des Mann ohne Eigenschaften und Heimito von Doderers Arbeitsjournalen aus den 20er-Jahren, wie die exzessive Schreibarbeit, die mit dem Projekt der Leistungsdiagnostik verbunden ist, dabei mitunter Form und Funktion von Aktenführungen zu imitieren versucht: im Nebeneinander disparater Beobachtungen zur Lebensführung, die sich gegenseitig kontrollieren sollen. Gleichzeitig zeigt der Beitrag, wie das Aktenführen als Mittel und Bedingung damaliger männlicher Autorschaft an sein logisches und praktisches Ende kommt: in der unlösbaren Aufgabe der »Totalität des Aufschreibens« (Doderer).

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Aus der Schriftstellerbehörde. Literatur und Produktionsverwaltung bei Musil und Doderer

  • Felix Lindner

摘要

Anfang des 20. Jahrhunderts beginnen männliche Autoren, sich und ihre Produktion systematisch schriftlich zu überwachen. Ihre Notizen, Tagebücher, Arbeitsjournale und Briefe verraten dabei eine Obsession: die Parallelität von körperlicher und schriftstellerischer Leistungsbereitschaft. Und ein Phantasma: die planmäßige Herstellung von »Arbeitsstimmung« mittels konsequenter Dokumentation der Lebensführung. Gründe dafür sind 1.) ein zeitgenössisches physiologisches Diskursgewimmel aus Diätetik, Sport-, Sexual- und Arbeitswissenschaft, das sein Wissen teilweise selbst an Schriftstellern bildet, 2.) ein öffentliches Interesse an literarischen Werkstattberichten in Form von Rundfragen, Fragebögen und Homestorys, das wiederum selbst wissenschaftlich verwertet wird und 3.) die soziale Leitfigur des »erfolgreichen Menschen«, in deren Umfeld Fragen nach der Organisation und Rationalisierung auch geistiger Arbeit gestellt werden. Unter dem Stichwort des »Taylorismus der Geistesarbeit« zeigt der Beitrag beispielhaft anhand von Robert Musils Arbeitsprotokoll zum 2. Band des Mann ohne Eigenschaften und Heimito von Doderers Arbeitsjournalen aus den 20er-Jahren, wie die exzessive Schreibarbeit, die mit dem Projekt der Leistungsdiagnostik verbunden ist, dabei mitunter Form und Funktion von Aktenführungen zu imitieren versucht: im Nebeneinander disparater Beobachtungen zur Lebensführung, die sich gegenseitig kontrollieren sollen. Gleichzeitig zeigt der Beitrag, wie das Aktenführen als Mittel und Bedingung damaliger männlicher Autorschaft an sein logisches und praktisches Ende kommt: in der unlösbaren Aufgabe der »Totalität des Aufschreibens« (Doderer).