Der vorliegende Aufsatz untersucht die Rolle von Ärzt:innen der Heilpädagogischen Station der Wiener Universitätsklinik bei dem Versuch, die Erziehungsheime der Stadt Wien und des Landes Niederösterreich mittels einer »graphischen Methode« neu zu ordnen. Der Versuch resultierte aus der Überforderung der staatlichen Verwaltung Anfang der 1920er Jahre den zunehmenden Problemen in den Heimen – Gewalt, mangelnde medizinische und psychiatrische Betreuung sowie unzureichende Geldmittel – Herr zu werden. Anhand der Analyse von Verwaltungsakten des Bundesministeriums für soziale Verwaltung und wissenschaftlichen Publikationen der beteiligten Ärzt:innen zeigt die vorliegende Arbeit, dass nicht nur die staatliche Verwaltung bemüht war eine wissenschaftliche Grundlage zu etablieren, um ihre Entscheidungsfindung zu legitimieren, sondern dass umgekehrt die Akteure aus dem Bereich der Wissenschaft daran interessiert waren, durch Ihre Mitarbeit die eigene Forschungsarbeit zu validieren und sanktionieren. Dabei zeigt sich, dass erstens das Wohl der Jugendlichen und Kinder, welche in der Obhut des Staates lebten, nicht das hauptsächliche Begehr der handelnden Stellen war und zweitens wie Theorien der Degeneration, der Kriminalbiologie und der »Dissozialität« Eingang in die Strukturen der staatlichen Jugendwohlfahrt fanden. Zuletzt weist der Aufsatz auch auf die persistenten Widerstände privat organisierter Wohlfahrtsvereine hin, welche eine umfassende Reform der Heime auf dem Gebiet der Republik Österreich in der Zwischenkriegszeit verhinderten.

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Nach den Akten. Die »graphische Methode« als Ordnungsmittel in der Jugendfürsorge im Wien der 1920er Jahre

  • Nikolaus Thoman

摘要

Der vorliegende Aufsatz untersucht die Rolle von Ärzt:innen der Heilpädagogischen Station der Wiener Universitätsklinik bei dem Versuch, die Erziehungsheime der Stadt Wien und des Landes Niederösterreich mittels einer »graphischen Methode« neu zu ordnen. Der Versuch resultierte aus der Überforderung der staatlichen Verwaltung Anfang der 1920er Jahre den zunehmenden Problemen in den Heimen – Gewalt, mangelnde medizinische und psychiatrische Betreuung sowie unzureichende Geldmittel – Herr zu werden. Anhand der Analyse von Verwaltungsakten des Bundesministeriums für soziale Verwaltung und wissenschaftlichen Publikationen der beteiligten Ärzt:innen zeigt die vorliegende Arbeit, dass nicht nur die staatliche Verwaltung bemüht war eine wissenschaftliche Grundlage zu etablieren, um ihre Entscheidungsfindung zu legitimieren, sondern dass umgekehrt die Akteure aus dem Bereich der Wissenschaft daran interessiert waren, durch Ihre Mitarbeit die eigene Forschungsarbeit zu validieren und sanktionieren. Dabei zeigt sich, dass erstens das Wohl der Jugendlichen und Kinder, welche in der Obhut des Staates lebten, nicht das hauptsächliche Begehr der handelnden Stellen war und zweitens wie Theorien der Degeneration, der Kriminalbiologie und der »Dissozialität« Eingang in die Strukturen der staatlichen Jugendwohlfahrt fanden. Zuletzt weist der Aufsatz auch auf die persistenten Widerstände privat organisierter Wohlfahrtsvereine hin, welche eine umfassende Reform der Heime auf dem Gebiet der Republik Österreich in der Zwischenkriegszeit verhinderten.