Neue Perspektiven auf den literarischen Kanon aus postmigrantischer Perspektive
摘要
In der Gegenwart kann ein literarischer Kanon nicht mehr wie in vormodernen Zeiten und auch nicht wie in der bildungsbürgerlich-nationalen Tradition des 19. Jahrhunderts kritiklos Tradition vermitteln. Dennoch sind Reflexionen zum Thema „Kanon“ keineswegs obsolet, geht es doch darum, auch und gerade in einer durch Migration und Diversität geprägten Gesellschaft ein reflektiertes Verhältnis zur Vergangenheit zu entwickeln und das kulturelle Gedächtnis neu zu perspektivieren. Vor diesem Hintergrund erscheint es notwendig, die Tradition und mit ihr die kanonischen Texte im Lichte der Gegenwart neu zu befragen und die Gegenwart im Durchgang durch die historische Reflexion angemessen zu verstehen und zu verändern. Dies kann sich durch eine „affirmative Sabotage“ (Gayatri Spivak) der Klassiker vollziehen. Im Blick auf zwei Werke Goethes, die dem traditionellen Kernkanon angehören, wird gezeigt, wie sich in den Modelltexten der Weimarer Klassik Spannungen zwischen einem universalistischen Anspruch und Mechanismen des Ausschlusses zeigen, die auf „Fremde“ (den Skythenkönig Thoas in Iphigenie auf Tauris) ebenso bezogen werden können wie auf marginalisierte Mitglieder der eigenen Gesellschaft (Mignon in Wilhelm Meisters Lehrjahre). Diese postmigrantische „Arbeit am Kanon“ ermöglicht ein tieferes Verständnis von Spannungen und Debatten um Universalismus und Exklusion, die noch immer unsere Gegenwart bestimmen.