Petro-gender: Literarische Extraktivismuskritik und die symbolischen Geschlechter des Öls
摘要
Das Kapitel versteht sich als eine Relektüre von Hélène Cixous’ Medusa-Essay sowie Theweleits Männlichkeits- und Faschismuskritik, die unter den Vorzeichen eines symbolischen Gendering von Erdöl als komplementäre Texte verstanden werden. Die psychoanalytisch versierte Untersuchung argumentiert dafür, dass in Cixous’ Texten, insbesondere dem Medusa-Essay, eine positive Besetzung des weiblich konnotierten Erdöls als Gabe, als flüssig, lustvoll, präödipal zu finden ist, die sie der männlichen Einhegung des Erdöls entgegenstellt. Das positive Bild des Flüssigen wird weiter über die französische Feministin Luce Irigaray verfolgt und springt dann zu einzelnen ökofeministischen und neumaterialistischen Ansätzen mit der Auffassung einer eigenaktiven Agency, die mit dem Mütterlichen assoziiert und als matrixal bezeichnet werden. Obgleich die Lektürelinie die alten Gender-Dualismen nicht überwindet oder auflösen kann, zeigt sich doch, dass der Stoffdiskurs der écriture féminine eine nicht-industrielle Semantik des Öls entfaltet, die sich ressourcenkapitalistischer Einhegungsnarrative radikal entzieht. Die Analyse von Lukas Bärfuss’ Theaterstück Öl (2009) mit einer Feminisierung von Knappheit sowie Katharina Hagenas Roman Das Geräusch des Lichts (2016) mit einer Feminisierung der Ausbeutung zeigt so dann, dass auch die Literatur den Versuch unternommen hat, den Ölkapitalismus und das Patriarchat in einer Doppelbewegung zu kritisieren und zu bewältigen.