Ruinöse tragische Figuren im Gegenwartstheater. Zur Sprengkraft der Selbstfiktionalisierung in Milo Raus Orestes in Mosul
摘要
Nicole Haitzinger und Johanna Hörmann betrachten Milo Raus Orestes in Mosul (2019) als exemplarische Inszenierung für Selbstfiktionalisierung im Gegenwartstheater im Spiegel der antiken Tragödie. Ähnlichkeiten zwischen Tragödienfiguren und Gegenwartsbiographien werden akzentuiert, indem zunächst die Akteur*innen eigene Geschichten teilen, bevor sie in den ihnen von Rau zugewiesenen Rollen der euripideischen Tragödie in Erscheinung treten. Diese Verflechtung von realen und fiktiven Partikeln wirft nicht nur Fragen zu einer wirklichkeitsnahen ästhetischen Erfahrung auf, sie provoziert geradezu eine Neubewertung der Autofiktion in der Theatergeschichte. Besonderes Augenmerk wird in diesem Artikel auf die prophetische und ruinöse Figur der Kassandra gelegt. Über sie werden persönliche Erfahrungen mit kollektiven kulturellen Erinnerungen verknüpft und verschiedene Resonanzräume (Gegenwart, Moderne, Antike) eröffnet: Auswirkungen von Krieg und Gewalt werden als direkt das eigene Leben betreffend und zugleich als gesellschaftlich wiederkehrendes Phänomen in der Regie von Milo Rau erfahrbar macht.