Zur szenischen Selbstdarstellung zeitgenössischer Avantgarde. Kim de l’Horizon als Autor und Performer
摘要
Kim de l’Horizons im Jahr 2022 gleich mehrfach prominent ausgezeichneter Roman Blutbuch erschien im Februar 2024 als Blutstück erstmals auch auf der Bühne. Angesichts einer gegenwärtig immer routinierter verlaufenden transmedialen Verwertung erfolgreicher Gegenwartsromane überrascht dies wenig. Auch verwundert kaum, dass der Autor selbst als Schauspieler gleich mit auf der Bühne stand, zeigte doch bereits die Performance de l’Horizons während der Verleihung des Deutschen Buchpreises, dass sich Autosoziobiographie und szenische Künste erfolgreich miteinander verbinden lassen. Vor einem begeisterten Publikum, so will der vorliegende Beitrag zeigen, wurde dabei jedoch nicht nur das sich selbst im Roman erzählende Autor-Ich szenisch vorgeführt, sondern das Funktionieren des gegenwärtigen Literatur- und Kulturbetriebs als Ganzem. In diesem Betrieb wird reflexartig prämiert, was sich als Literatur avantgardistisch und authentisch präsentiert und gleichzeitig mit den Normen und Werten der Institution harmoniert. Diese im wahrsten Sinne des Wortes zeitgenössische Avantgarde wird im Folgenden als Teil einer Tendenz verstanden, in der das Zusammenspiel von Werk und validierenden Institutionen immer weniger über ästhetische, als vielmehr über ethisch-weltanschauliche Kriterien verläuft. Dazu wird die Autosoziobiographie zunächst als eine neue Form des Bildungsromans gelesen und anschließend die szenische Authentifizierung des sich selbst erzählenden Ichs mithilfe der Selbstinszenierung genauer betrachtet.