In einem nachgelassenen Fragment aus dem Herbst 1887 (KSA 12, 436), auf das Thomas Mann an mehreren Stellen seines Werks implizit oder explizit Bezug nimmt, hält Friedrich Nietzsche[aut]Nietzsche, Friedrich zwei Gruppen von Kunstrezipienten fest, die in der Epoche der décadence mit unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnissen an die Kunst herantreten: hier das breite »Publikum«, das dem demagogisch eingestellten Künstler den »Massen-Erfolg« (KSA 6, 37) einbringen kann – dort das elitäre »Coenakel« der eingeweihten Kunstkenner, deren Gunst der moderne Künstler durch die vollkommene Beherrschung seines Handwerks zu erobern sucht. »[I]m ersten« – so Nietzsche – »muß man heute Charlatan sein; im zweiten will man Virtuose sein und nichts weiter!«. Die ›größten‹ Künstler der décadence seien gerade diejenigen, die sowohl das »Publikum« als auch das »Coenakel« gleichzeitig zufriedenzustellen wissen, indem sie »große Charlatanerie« und »ächte[s] Virtuosenthum« miteinander verbinden – ja, indem sie in der Lage sind, im Prozess künstlerischen Schaffens eine »wechselnde Optik« einzunehmen, »bald in Hinsicht auf die gröbsten Bedürfnisse, bald in Hinsicht auf die raffinirtesten«.

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Ambiguität und Doppelte Optik

  • Paolo Panizzo

摘要

In einem nachgelassenen Fragment aus dem Herbst 1887 (KSA 12, 436), auf das Thomas Mann an mehreren Stellen seines Werks implizit oder explizit Bezug nimmt, hält Friedrich Nietzsche[aut]Nietzsche, Friedrich zwei Gruppen von Kunstrezipienten fest, die in der Epoche der décadence mit unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnissen an die Kunst herantreten: hier das breite »Publikum«, das dem demagogisch eingestellten Künstler den »Massen-Erfolg« (KSA 6, 37) einbringen kann – dort das elitäre »Coenakel« der eingeweihten Kunstkenner, deren Gunst der moderne Künstler durch die vollkommene Beherrschung seines Handwerks zu erobern sucht. »[I]m ersten« – so Nietzsche – »muß man heute Charlatan sein; im zweiten will man Virtuose sein und nichts weiter!«. Die ›größten‹ Künstler der décadence seien gerade diejenigen, die sowohl das »Publikum« als auch das »Coenakel« gleichzeitig zufriedenzustellen wissen, indem sie »große Charlatanerie« und »ächte[s] Virtuosenthum« miteinander verbinden – ja, indem sie in der Lage sind, im Prozess künstlerischen Schaffens eine »wechselnde Optik« einzunehmen, »bald in Hinsicht auf die gröbsten Bedürfnisse, bald in Hinsicht auf die raffinirtesten«.