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Laubheu – Das Schneiteln von Bäumen zur Futtergewinnung in Mitteleuropa

  • Jean Nicolas Haas,
  • Benjamin Dietre,
  • Brigitte Hechenblaickner,
  • Werner Kofler,
  • Werner H. Schoch,
  • Sönke Szidat,
  • Fabian Vassanelli

摘要

Eine der größten Herausforderungen für die prähistorische Landwirtschaft in Europa war das Durchfüttern von Haustieren, wie Schafen, Ziegen, Rindern und Schweinen, durch die langen Winter, da das Verfüttern von Wiesenheu erst mit der Eisenzeit Einzug hielt (800 v. Chr.). Die Laubfuttergewinnung oder -wirtschaft war in der Jungsteinzeit und in der Bronzezeit vor allem in Gebirgsregionen von großer Bedeutung und ist es noch immer, sodass seit mindestens 6000 Jahren die sogenannte Schneitelwirtschaft, das Gewinnen von Baumlaub als Futter, eine zentrale Rolle spielte. Dabei wurden von fast allen europäischen Laubhölzern belaubte Zweige im Spätsommer mit dem sogenannten Gertelmesser abgeschlagen, die Zweige danach getrocknet, um schlussendlich als Trockenbiomasse und als nährstoff- und proteinreiches Laubfutter im Winterhalbjahr Verwendung zu finden, auch weil dadurch, gemäß dem Wissen vieler Landwirte, viel schmackhaftere Milchprodukte zu gewinnen sind. Historische Gemälde zeugen von der Bedeutung dieser Laubfutterwirtschaft (Abb. 21.1), und das heutige Schneiteln, das Ernten von Zweigen als Laubfutter, ist immer noch – in einigen Gebieten Mitteleuropas, im Schwarzwald, in Südtirol, im Zentralmassiv, im Lötschental im Wallis (Abb. 21.2) – eine gängige und wichtige Landwirtschaftspraxis. Im Spätsommer gewonnenes Eschenlaub gilt als das beste Laubfutter, da es gut verdaulich und besonders schmackhaft ist und sich jährlich ernten lässt. Weitere sehr beliebte Baumgattungen für die Laubheugewinnung, allerdings mit Jahresabständen von mindestens fünf Jahren zur Schonung der Bäume, sind Ahorn (Acer), Ulmen (Ulmus), Eichen (Quercus) und Ebereschen (Sorbus). In laubbaumarmen Regionen wie dem Schweizer Kanton Uri werden auch die Nadeläste von Tannen (Abies alba) im Winter abgehauen und zur Verfütterung genutzt. Interessanterweise führt das regelmäßige Abschneiden der Zweige von Laubfutterbäumen zu einer erhöhten Biodiversität unterhalb der Bäume (z. B. Kräuter, Insekten), wohl wegen der besseren Lichtverhältnisse am Boden. Zudem sind die eigentümlichen Schneitelbäume in vielen Gebieten Mitteleuropas eine touristische Attraktion, deren Erhalt aus traditionellen und ästhetischen Gründen, teils sogar mit finanzieller Förderung durch die öffentliche Hand subventioniert wird. Im archäologischen Kontext konnte anhand spezifischer holzanatomischer Strukturen der Nachweis erbracht werden, dass Laubfuttergewinnung schon während der Jungsteinzeit vor mehr als 6000 Jahren als landwirtschaftliche Praxis eingesetzt wurde. Für das Lötschental im Wallis konnte erstmalig palynologisch aufgezeigt werden, wie sich eine solche jahrhundertelange Laubfutterwirtschaft auf die Pollenproduktion der vor Ort stehenden typischen Laubfutterbäume Ahorn, Esche und Eberesche ausgewirkt hat (Abb. 21.3). Obwohl mehrere Jahrhunderte alte Laubfutterbäume noch heute in großer Zahl in unmittelbarer Nähe des Lötschental-Moores und im ganzen Lötschental wachsen, sind sie und auch ihre historischen Vorgängerbäume im pollenanalytischen Bild der letzten Jahrhunderte in keiner Weise erkennbar: So konnte von Ahorn, Esche und Eberesche – trotz hoher Pollensumme pro analysierter Probe – kein einziges Pollenkorn gefunden werden. Dies lässt sich auf die regelmäßige und bis vor Kurzem durchgeführte Schneitelung zurückführen, wodurch diese Laubbäume über Jahrhunderte keinerlei Blüten ausbilden konnten und damit auch keine Pollenverbreitung stattfand. Erst durch die lokale Aufgabe der Schneitelwirtschaft vor wenigen Jahrzehnten blühen diese früheren Laubheubäume, wie Esche und Ahorn, heute im oberen Lötschental wieder und produzieren Blütenstaub.