Kopfschmerzen vom Spannungstyp und Migräne belegen weltweit hinter Zahnkaries den 2. und 3. Platz der häufigsten Erkrankungen des Menschen. Die Einjahresprävalenz in Europa für alle Kopfschmerzformen beträgt bei Frauen 86 % und bei Männern 71,1 %, für alle Formen der Migräne 43,6 % bei Frauen und 26,9 % bei Männern, für alle Formen des Kopfschmerz vom Spannungstyp 35,7 % bei Frauen und 40,7 % bei Männern und für Medikamentenübergebrauchskopfschmerz 4,3 % bei Frauen und 1,8 % bei Männern. Chronische Kopfschmerzen mit mehr als 15 Kopfschmerztagen pro Monat finden sich bei 9,5 % der Frauen und 4,9 % der Männer. Migräne ist der bedeutsamste Grund für Behinderung bei unter 50-Jährigen. Kopfschmerzerkrankungen sind für mehr als 75 % aller durch neurologische Erkrankungen bedingten Jahre mit Behinderung verantwortlich, einschließlich Schlaganfall, Demenzerkrankungen, M. Parkinson, Multiple Sklerose, Epilepsie u.a. Die Migräne steht an zweiter Stelle aller Erkrankungen, welche die häufigsten Jahre mit Behinderungen in der Bevölkerung bedingen. Jeden Tag sind allein in Deutschland etwa 900.000 Menschen von Migräneattacken betroffen. 100.000 Menschen sind wegen Migräneanfällen pro Tag arbeitsunfähig und bettlägerig. Drei Millionen Deutsche nehmen im Mittel jeden Tag eine Kopfschmerztablette über Selbstmedikation ein. 58.853 Triptan-Einzeldosen werden in Deutschland jeden Tag zur Behandlung von Migräneattacken eingenommen. Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten Gründen für kurzfristige Arbeitsunfähigkeit. Allein die durch Migräne bedingten Fehltage pro Jahr in Deutschland entsprechen der Jahresarbeitszeit von 185.000 Vollerwerbstätigen mit geschätzten Kosten von 3,5 Milliarden Euro. Hinzu kommt der Produktivitätsverlust nicht bezahlter Arbeit im Haushalt, in der Kindererziehung oder in der Pflege Angehöriger. Das Risiko für Depression, Angsterkrankung und Suizid ist bei Migränepatienten 3- bis 7-mal, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall ist 1,5- bis 2-mal höher als bei Gesunden. Die jährlichen Gesamtkosten von Kopfschmerzen für 18- bis 65-Jährige in Europa betragen 173 Milliarden Euro. Weniger als 20 % der Betroffenen in Europa werden ärztlich versorgt, weniger als 10 % erhalten eine leitliniengerechte Prävention oder Akuttherapie. Die Versorgungslandschaft für Migräne und Kopfschmerzen hat sich in der jüngsten Zeit durch neue Versorgungsstrukturen extensiv weiterentwickelt. Vernetzung und fachübergreifende Zusammenarbeit sind wesentliche Erfolgsparameter einer zeitgemäßen koordinierten Versorgung. Neue integrierte Organisationsstrukturen in Verbindung mit aktuellem Wissen ermöglichen, individuell Schmerzen zu lindern und für die Versichertengemeinschaft Kosten zu senken. Krankenkassen haben die zentrale Bedeutung von Kopfschmerzen für ein zeitgemäßes Gesundheitssystem in den Fokus ihrer Aktivitäten gerückt. Die gesellschaftliche Bedeutung der Kopfschmerztherapie für eine moderne und hochentwickelte medizinische Versorgung wird so zunehmend öffentlich und erkannt. Ein im Jahre 2021 an der Universität Kiel eingerichteter Studiengang Master of Migraine and Headache Medicine spiegelt die vielfältigen Neuentwicklungen im gesamten Bereich der Kopfschmerztherapie wider. Er stellt das notwendige Wissen und die Fertigkeiten zur Verfügung, die für eine moderne Versorgung fachübergreifend erforderlich sind. Die zeitgemäßen wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Versorgung umzusetzen ist das Ziel des Studienganges Master of Headache Medicine. Die Therapie von Kopfschmerzerkrankungen hat sich in den letzten Dekaden als eines der erfolgreichsten Felder der Medizin entwickelt. Das Kapitel stellt neue Entwicklungen und die aktuelle Versorgungslage von Migräne und Kopfschmerzen dar.

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Die Versorgungslandschaft für Kopfschmerzen

  • Hartmut Göbel

摘要

Kopfschmerzen vom Spannungstyp und Migräne belegen weltweit hinter Zahnkaries den 2. und 3. Platz der häufigsten Erkrankungen des Menschen. Die Einjahresprävalenz in Europa für alle Kopfschmerzformen beträgt bei Frauen 86 % und bei Männern 71,1 %, für alle Formen der Migräne 43,6 % bei Frauen und 26,9 % bei Männern, für alle Formen des Kopfschmerz vom Spannungstyp 35,7 % bei Frauen und 40,7 % bei Männern und für Medikamentenübergebrauchskopfschmerz 4,3 % bei Frauen und 1,8 % bei Männern. Chronische Kopfschmerzen mit mehr als 15 Kopfschmerztagen pro Monat finden sich bei 9,5 % der Frauen und 4,9 % der Männer. Migräne ist der bedeutsamste Grund für Behinderung bei unter 50-Jährigen. Kopfschmerzerkrankungen sind für mehr als 75 % aller durch neurologische Erkrankungen bedingten Jahre mit Behinderung verantwortlich, einschließlich Schlaganfall, Demenzerkrankungen, M. Parkinson, Multiple Sklerose, Epilepsie u.a. Die Migräne steht an zweiter Stelle aller Erkrankungen, welche die häufigsten Jahre mit Behinderungen in der Bevölkerung bedingen. Jeden Tag sind allein in Deutschland etwa 900.000 Menschen von Migräneattacken betroffen. 100.000 Menschen sind wegen Migräneanfällen pro Tag arbeitsunfähig und bettlägerig. Drei Millionen Deutsche nehmen im Mittel jeden Tag eine Kopfschmerztablette über Selbstmedikation ein. 58.853 Triptan-Einzeldosen werden in Deutschland jeden Tag zur Behandlung von Migräneattacken eingenommen. Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten Gründen für kurzfristige Arbeitsunfähigkeit. Allein die durch Migräne bedingten Fehltage pro Jahr in Deutschland entsprechen der Jahresarbeitszeit von 185.000 Vollerwerbstätigen mit geschätzten Kosten von 3,5 Milliarden Euro. Hinzu kommt der Produktivitätsverlust nicht bezahlter Arbeit im Haushalt, in der Kindererziehung oder in der Pflege Angehöriger. Das Risiko für Depression, Angsterkrankung und Suizid ist bei Migränepatienten 3- bis 7-mal, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall ist 1,5- bis 2-mal höher als bei Gesunden. Die jährlichen Gesamtkosten von Kopfschmerzen für 18- bis 65-Jährige in Europa betragen 173 Milliarden Euro. Weniger als 20 % der Betroffenen in Europa werden ärztlich versorgt, weniger als 10 % erhalten eine leitliniengerechte Prävention oder Akuttherapie. Die Versorgungslandschaft für Migräne und Kopfschmerzen hat sich in der jüngsten Zeit durch neue Versorgungsstrukturen extensiv weiterentwickelt. Vernetzung und fachübergreifende Zusammenarbeit sind wesentliche Erfolgsparameter einer zeitgemäßen koordinierten Versorgung. Neue integrierte Organisationsstrukturen in Verbindung mit aktuellem Wissen ermöglichen, individuell Schmerzen zu lindern und für die Versichertengemeinschaft Kosten zu senken. Krankenkassen haben die zentrale Bedeutung von Kopfschmerzen für ein zeitgemäßes Gesundheitssystem in den Fokus ihrer Aktivitäten gerückt. Die gesellschaftliche Bedeutung der Kopfschmerztherapie für eine moderne und hochentwickelte medizinische Versorgung wird so zunehmend öffentlich und erkannt. Ein im Jahre 2021 an der Universität Kiel eingerichteter Studiengang Master of Migraine and Headache Medicine spiegelt die vielfältigen Neuentwicklungen im gesamten Bereich der Kopfschmerztherapie wider. Er stellt das notwendige Wissen und die Fertigkeiten zur Verfügung, die für eine moderne Versorgung fachübergreifend erforderlich sind. Die zeitgemäßen wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Versorgung umzusetzen ist das Ziel des Studienganges Master of Headache Medicine. Die Therapie von Kopfschmerzerkrankungen hat sich in den letzten Dekaden als eines der erfolgreichsten Felder der Medizin entwickelt. Das Kapitel stellt neue Entwicklungen und die aktuelle Versorgungslage von Migräne und Kopfschmerzen dar.