Einleitung
摘要
Im asymmetrischen Gespräch mit dem syrischen Flüchtlingsjungen Mahmoud erzählt die erwachsene Figur Ruth von ihren Fluchterfahrungen während des Nationalsozialismus und weist damit Flucht als eine andauernde, zeitunabhängige Erfahrung aus. Flucht wird in Alan Gratz’ Roman Vor uns das Meer (2020) als keine „nachlaufende Vergangenheit“ (Sabrow 2012, 16) dargestellt, sondern sie erstreckt sich in einem zeithistorischen Rahmen. Sie geht entsprechend der Reichweite des kommunikativen Gedächtnisses zurück bis zu dem Zeitpunkt, von dem aus die Mitlebenden von ihren, in unterschiedlichen zeithistorischen Phasen verorteten Fluchterfahrungen berichten können: Die Flucht während des Nationalsozialismus (Josef und Ruth), die Flucht aus Kuba 1994 (Isabel) und die Flucht aus Syrien nach Deutschland 2015 (Mahmoud). In der simultanen Darstellung dreier verschiedener Fluchtschicksale lassen sich in der erzählten Welt identische Erzählmuster – wie z. B. des Schiffes – feststellen, die zur „Sinnbildung über Zeiterfahrung“ (Erll 2017, 169) führen. Die Erzählmuster verharren jedoch nicht in der einzelnen Fluchtgeschichte, sondern sie wechseln zwischen den verschiedenen Geschichten. Die Bewegung der Erzählmuster innerhalb des Romans verdeutlicht, welche Erzählmuster bis heute im kollektiven Gedächtnis das Verständnis von Flucht prägen. Die Bewegung von Erinnerungsinhalten und Erzählmustern ist dabei kein alleiniges Merkmal seines Romans, sondern deutet auf ein Prinzip der Konstitution von Gedächtniskonstruktionen in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur hin. Die einzelnen Erzählmuster bewegen sich durchgehend in einem (bislang nicht aufgedeckten) literarischen Resonanzrahmen, in dem jeder literarische Text in einem Beziehungsverhältnis steht und in der Bezugnahme innerliterarische Gedächtniskonstruktionen entwirft, die mit Erll als „travelling memory“ (Erll 2011, 11) zu deuten sind. Erll zufolge zirkulieren Erinnerungen auf der einen Seite zwischen verschiedenen Erinnerungsgemeinschaften oder zwischen verschiedenen Medien; auf der anderen Seite entstehen diese Erinnerungen aus der Bewegung heraus. In Gratzʼ Kinderroman formt sich die Bewegung der Erinnerung im Wiederaufgreifen kongruenter Muster, das den Abstand zwischen der vergangenen und der gegenwärtigen Flucht neu konfiguriert und damit migrantisches Erinnern ermöglicht.