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Einleitung

  • Gernot Wimmer

摘要

In Anlehnung an eine literarhistorische, im angloamerikanischen Raum gebräuchliche Definition könnte man Musil, diesen Vertreter der ästhetischen Moderne, einen Modernisten nennen. Seine Haltung beruht im Wesentlichen auf einer Erkenntnis- und Wahrnehmungsskepsis, wie sie unter anderem für den Expressionismus kennzeichnend ist. Ein neues Denken und Wahrnehmen sollte in „[v]iele[n]“ expressionistischen „Texte[n]“ zu einem neuen Handeln, einem neuen Menschen führen. Unter den führenden Theoretikern des Expressionismus herrscht Übereinstimmung darin, dass sich diese Strömung an den sozialen Gegebenheiten wie bürgerlichen Gepflogenheiten stieß. Anz, der die expressionistische Literatur zu jener der ‚Existenz‘ erklärt, spricht davon, dass die Expressionist:innen die gesellschaftlichen Strukturen zu verändern beabsichtigten: „[…] die Negativität der Existenzliteratur [‚erscheint‘] in einem umgreifenderen historischen Sinn höchst funktional, insofern sie in der Bewußtwerdung und Bewußtmachung des anachronistisch-desolaten Zustandes bestehender Denkformen den Anstoß zur Suche nach neuen gibt.“ Die „Themen“ der „negativen Leiderfahrungen und positiven Bewältigungsentwürfe[]“ sieht Anz dabei „polar aufeinander bezogen“. Tendenziell sieht Anz selbst die apokalyptischen Motive jenem Geltungs-Anspruch unterstellt, woraus er auf das Ziel einer Neuerfindung des Lebens schließt. In Musils Werk allerdings, in dem der Autor den Versuch einer perzeptiv-epistemischen Theoriebildung unternimmt, sieht sich der positive ‚Pol‘ vom negativen nicht bloß herausgefordert. Eine konstruktive Kritik, wie sie dem Expressionismus als häufig auftretendes Merkmal zugeschrieben wird, bleibt mit seinem Weltbild ausgeschlossen. Musils Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen und Praktiken erfolgt nämlich unter der Annahme, dass es sich um symptomatische Ausprägungen der biologisch-anthropologischen Triebveranlagung handelt. Für diesen Autor ist die Überzeugung charakteristisch, dass das Vorhaben, ein neues Denken und Handeln fernab der Triebwirklichkeit zu initiieren, eine unrealisierbare Utopie bildet. Bei Musil ist von einem tief sitzenden Nihilismus zu sprechen, der auf ein nicht behebbares kognitives Defizit, das er beim Menschen auszumachen meint, zurückgeht.