Zu Gericht über Leo Perutz’ Der Meister des Jüngsten Tages (1923). Schuldspruch und Diegesekonstruktion als Rezeptionsaufgabe
摘要
Im Zentrum der Romanhandlung von Leo Perutz’ Der Meister des Jüngsten Tages (1923) steht eine Schuldfrage: Der Erzähler Freiherr von Yosch leugnet die Beteiligung an einem mysteriösen Selbstmord, das Nachwort eines fiktiven Herausgebers jedoch überführt ihn als Täter und unzuverlässigen Erzähler. Als Beleg bringt er Yoschs ehrengerichtliche Verurteilung vor, die sich jedoch bei Untersuchung der historischen Bedingungen als wenig beweiskräftig herausstellt. Für Yoschs Unschuld hingegen steht das titelgebende Jüngste Gericht, dessen drohende Vision als alternative Ursache für den Selbstmord herangezogen wird. Der Roman kontrastiert die beiden Gerichtsinstanzen ohne ihr Spannungsverhältnis aufzulösen, sondern überträgt die finale Rechtsprechung ganz individuell der Leserschaft. Das Urteil über Yoschs Schuld entscheidet dabei zugleich über die Konzeption der Diegese und inwieweit diese übersinnliche Schreckensvisionen zulässt, wodurch sowohl Erzähler als auch erzählte Welt gerichtet werden.