Familiennarrative – Erzählen und Familiendiagnostik
摘要
Die Familie ist eine Erzählgemeinschaft. Erzählend entstehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Inhalt und Form des Erzählens stehen unter vielfachem Einfluss, beispielsweise dem der biografischen Veränderung im Lebensprozess, der gegenwärtigen Erzählsituation, der Adressierung sowie der motivationalen Verfassung des Erzählenden, seiner Wünsche, Ängste und Erwartungen. In Familienberatung und Familientherapie findet die mehrstimmige erzählende Kommunikation in der Familie professionelle Aufmerksamkeit. Sich primär über die Narrative definierende und diese nutzenden Therapieformen sind in den letzten 20 Jahren zunehmend bedeutsam geworden: Schon lange werden Spielnarrative in tiefenpsychologischen Kinderbehandlungen und in der Spieltherapie zum Problemverständnis und zur Behandlung genutzt. Bindungsnarrative als verinnerlichte Beziehungserfahrungen, wie sie im Erwachsenen-Bindungs-Interview erhoben werden (Gloger-Tippelt & Hofmann, 1997), haben, im Kontext des Mentalisierungsmodells nach Fonagy und Target (2006), Bedeutung für die Einschätzung der reflexiven Funktion. In den letzten 20 Jahren hat sich die narrativ orientierte systemische Familientherapie fest etabliert vgl. (Jakob, 2021; Olthof, 2018). Die aus der Verhaltenstherapie stammende Narrative Expositionstherapie wird individualtherapeutisch und in Elternbegleitung bei Kindern zur Kurzzeitbehandlung von Traumata genutzt (Schauer et al., 2011). Auch die Schematherapie als Teil der Dritten Welle der Verhaltenstherapie orientiert sich an erzählten und ins Spiel gebrachten Erlebensschemata (Loose et al., 2013). Narrative werden auch in der projektiven Diagnostik genutzt. Beispiele sind der Thematische Apperzeptionstest (TAT) (Murray, 1943; Seifert, 1984) und der Schweinchen-Schwarzfuß-Test für Kinder (Corman, 2013). Daneben finden sich narrative Anteile in Beobachtungskonzepten wie den sogenannten RIGs (Representations of Interaction Generalized) nach Stern (1998, 2003).