Fall 9
摘要
Carla, Heinrichs Freundin, liegt im Garten auf der Liege. Es ist Ende Juni, der Sommer riecht noch frisch und nach Blüten. Carla ist im 8. Monat ihrer Schwangerschaft. Die Kugel, die sich wie die Kuppel eines Planetariums oder wie die Schutzhülle eines Atomkraftwerks, jedenfalls wie eine hybride Merkwürdigkeit aus eigen und fremd auf ihrem Bauch erhebt, macht Carla matt. Die Aussicht, dass da noch Wochen vor ihr liegen, die vermutlich von immer neuen Beschwerlichkeiten begleitet sein werden, lässt sie stöhnen. Doch die größte Beschwerlichkeit, die Carla zurzeit zu ertragen hat, kommt gar nicht aus dem Atomkraftwerk ihres Bauches. Die Beschwerlichkeit hat einen ganz konkreten Namen: Kaya. Die Cousine von Nelson wohnt seit gut zwei Wochen bei den Griegers. Sie will ihre zehnjährige Tochter Nyla in einem Internat für Hochbegabte in Hamburg unterbringen und nervt hier alle mit ihrer gottesfürchtigen Art. Sie ist strenge Katholikin und kann es einfach nicht fassen, dass Carla mit einer hybriden Merkwürdigkeit herumläuft und dies in einem unverheirateten Grundzustand. Und dann stört das überhaupt niemanden in diesem gottlosen Haus. Gerade kommt sie schon wieder aus dem Haus und steuert direkt auf Carla und ihre Liege zu. Alles spannt sich an bei Carla. Das sind fast schon die ersten Wehen – Gehirnwehen sozusagen. „Lass es, Kaya!“ Carla will der Heiligen gleich mal den Wind aus den Segeln nehmen. „Dort drüben sind die Rosen, die wolltest du doch hegen und pflegen. Mein Kind gedeiht auch ohne dein Weihwasser.“ Kaya schnauft verächtlich und denkt an die Strafe, die Carla mit Sicherheit ereilen wird für diesen Frevel. Weiter will sie die Kreise, wer in die Bestrafung noch mit hineingezogen werden würde, nicht ziehen. Wenn die Aufnahme von Nyla ins Internat nicht klappen sollte, dann müsste sie ihren Cousin überreden, ihre Tochter bei sich aufzunehmen, damit sie wenigstens die Schule besuchen kann. Die Zusage der Schule hat sie schon, das Internat wird sie sich nur leisten können, wenn das Stipendium bewilligt wird. Also muss sie gute Miene zum bösen Spiel machen. Gottloses Haus hin oder her, die Zukunft ihrer Tochter soll in jedem Fall außerhalb von Kenia spielen und Harvard, Oxford oder das Karolinska Institut beinhalten.