Wird Landschaft aus sozialkonstruktivistischer Perspektive betrachtet, stellt sie weder ein wertfreies physisches Objekt, wie es insbesondere in positivistischer Denktradition postuliert wird, noch ein physisches Objekt dar, dem ein Eigenwert immanent ist, wie es eine essenzialistisch-konservative Deutung beschreibt. Landschaft wird – aus sozialkonstruktivistischer Perspektive – durch soziale Prozesse bestimmt. Diese sozialen Prozesse erzeugen ein rekursives Verhältnis von physischen und gesellschaftlichen Grundlagen angeeigneter physischer Landschaft: Auf Ebene der gesellschaftlichen Landschaft werden Deutungen und Wertungen von Landschaft erzeugt, die im Prozess der Sozialisation durch den Einzelnen aktualisiert und durch Zusammenschau von Objekten im physischen Raum zu Landschaft synthetisiert werden. Dabei erfolgt ein ständiger Abgleich zwischen der Synthese auf Grundlage physischer Objekte mit gesellschaftslandschaftlichen Konstrukten wie stereotyper Landschaft und heimatlicher Normallandschaft. Die Konsequenz daraus, dies zeigt sich auch an der Vielfalt der theoretischen Perspektiven auf ‚Landschaft‘, ist, dass sich ‚Landschaft‘ nicht allgemeingültig, für alle Kontexte eindeutig definieren lässt, vielmehr lassen sich Verständnisse in Abhängigkeit von Fragestellungen, theoretischen Perspektiven und genutzten Methoden entwickeln (Duttmann, 2020; Gailing & Leibenath, 2012; Kühne, 2019a; Kühne & Jenal, 2021; Kühne & Weber, 2020). Insofern kann Landschaftstheorie eine ‚integrative Rolle‘ einnehmen, mit der sich subdisziplinäre Logiken der Landschaftsforschung ‚verorten‘ lassen (Körner, 2001). Darauf aufbauend formuliert Karsten Berr (2020, S. 106) den Vorschlag der Aufgabe und Integration von Landschaftstheorie und -praxis, „dass sowohl in Theorie wie Praxis als forschungs- und handlungsleitender Zielhorizont die jeweilige theoretische wie praktische Mitwirkung an der Nutzung, Gestaltung und Schonung einer bewohnbaren Welt fungieren kann“. An dieser Stelle wird auch der Anschluss an die (neo)pragmatistische Landschaftstheoriebildung deutlich: Landschaftstheorie (wie alle Theorien) lässt sich als ein Werkzeug verstehen, mit dessen Hilfe wir Probleme lösen können, außerphilosophische oder – allgemeiner – außerwissenschaftliche Probleme (Rorty, 1999). Dabei wird deutlich, dass Theorie und die Erzeugung neuer Theorie kein Selbstzweck sein, sondern dem Verständnis von Welt und – damit verbunden – der Lösung von Problemen dienlich sein sollte. Bei komplexen Fragestellungen können dabei – wie in diesem Buch deutlich wurde – unterschiedliche Theorien nützlich sein (ausführlicher dazu: Kühne, 2024). Dabei ist jedoch das Prinzip von Ockhams Rasiermesser zu berücksichtigen (Lazar, 2010): Theoretische Erklärungen sind demnach nicht komplexer zu gestalten, als es zur Beschreibung und Verständnis eines Phänomens notwendig ist. Dies bedeutet: Unter mehreren konkurrierenden Deutungen ist jene vorzuziehen, die mit den geringsten begrifflichen und ontologischen Annahmen auszukommen vermag. Womit wir wieder bei der sozialkonstruktivistischen Landschaftstheorie angekommen sind: Dies zeichnet sich durch wenige Vorannahmen und eine große begriffliche Anschlussfähigkeit auf. Sie ist zudem – aufgrund ihrer grundlegenden Funktion für komplexere Theorien (etwa mehr als repräsentationale) für viele (insbesondere konstruktivistische) Ansätze anschlussfähig. Mehr noch: Sie kann als eine gemeinsame Basis genutzt werden, sich komplexere Theorien mit dem Ziel, für ein größeres Publikum verständlich zu sein, übersetzen zu lassen. Daraus ergibt sich für die Forschungspraxis eine Konsequenz: Auch wenn mehr-als-repräsentationale Theorien und andere aktuellere konstruktivistische Theorien wie etwa Diskurstheorien wertvolle Einblicke in die Erzeugung von Landschaft liefern konnten, bleibt der Sozialkonstruktivismus durchaus für die Bearbeitung konkreter Forschungsfragen aktuell, schließlich ist er anschlussfähig, nicht allein für komplexere Theorien, sondern auch für praktische Fragen (etwa zu Landschaftskonflikten).

错误:搜索内容不能为空,请输入英文关键词
错误:关键词超出字数限制,请精简
高级检索

Resümee und Ausblick

  • Olaf Kühne

摘要

Wird Landschaft aus sozialkonstruktivistischer Perspektive betrachtet, stellt sie weder ein wertfreies physisches Objekt, wie es insbesondere in positivistischer Denktradition postuliert wird, noch ein physisches Objekt dar, dem ein Eigenwert immanent ist, wie es eine essenzialistisch-konservative Deutung beschreibt. Landschaft wird – aus sozialkonstruktivistischer Perspektive – durch soziale Prozesse bestimmt. Diese sozialen Prozesse erzeugen ein rekursives Verhältnis von physischen und gesellschaftlichen Grundlagen angeeigneter physischer Landschaft: Auf Ebene der gesellschaftlichen Landschaft werden Deutungen und Wertungen von Landschaft erzeugt, die im Prozess der Sozialisation durch den Einzelnen aktualisiert und durch Zusammenschau von Objekten im physischen Raum zu Landschaft synthetisiert werden. Dabei erfolgt ein ständiger Abgleich zwischen der Synthese auf Grundlage physischer Objekte mit gesellschaftslandschaftlichen Konstrukten wie stereotyper Landschaft und heimatlicher Normallandschaft. Die Konsequenz daraus, dies zeigt sich auch an der Vielfalt der theoretischen Perspektiven auf ‚Landschaft‘, ist, dass sich ‚Landschaft‘ nicht allgemeingültig, für alle Kontexte eindeutig definieren lässt, vielmehr lassen sich Verständnisse in Abhängigkeit von Fragestellungen, theoretischen Perspektiven und genutzten Methoden entwickeln (Duttmann, 2020; Gailing & Leibenath, 2012; Kühne, 2019a; Kühne & Jenal, 2021; Kühne & Weber, 2020). Insofern kann Landschaftstheorie eine ‚integrative Rolle‘ einnehmen, mit der sich subdisziplinäre Logiken der Landschaftsforschung ‚verorten‘ lassen (Körner, 2001). Darauf aufbauend formuliert Karsten Berr (2020, S. 106) den Vorschlag der Aufgabe und Integration von Landschaftstheorie und -praxis, „dass sowohl in Theorie wie Praxis als forschungs- und handlungsleitender Zielhorizont die jeweilige theoretische wie praktische Mitwirkung an der Nutzung, Gestaltung und Schonung einer bewohnbaren Welt fungieren kann“. An dieser Stelle wird auch der Anschluss an die (neo)pragmatistische Landschaftstheoriebildung deutlich: Landschaftstheorie (wie alle Theorien) lässt sich als ein Werkzeug verstehen, mit dessen Hilfe wir Probleme lösen können, außerphilosophische oder – allgemeiner – außerwissenschaftliche Probleme (Rorty, 1999). Dabei wird deutlich, dass Theorie und die Erzeugung neuer Theorie kein Selbstzweck sein, sondern dem Verständnis von Welt und – damit verbunden – der Lösung von Problemen dienlich sein sollte. Bei komplexen Fragestellungen können dabei – wie in diesem Buch deutlich wurde – unterschiedliche Theorien nützlich sein (ausführlicher dazu: Kühne, 2024). Dabei ist jedoch das Prinzip von Ockhams Rasiermesser zu berücksichtigen (Lazar, 2010): Theoretische Erklärungen sind demnach nicht komplexer zu gestalten, als es zur Beschreibung und Verständnis eines Phänomens notwendig ist. Dies bedeutet: Unter mehreren konkurrierenden Deutungen ist jene vorzuziehen, die mit den geringsten begrifflichen und ontologischen Annahmen auszukommen vermag. Womit wir wieder bei der sozialkonstruktivistischen Landschaftstheorie angekommen sind: Dies zeichnet sich durch wenige Vorannahmen und eine große begriffliche Anschlussfähigkeit auf. Sie ist zudem – aufgrund ihrer grundlegenden Funktion für komplexere Theorien (etwa mehr als repräsentationale) für viele (insbesondere konstruktivistische) Ansätze anschlussfähig. Mehr noch: Sie kann als eine gemeinsame Basis genutzt werden, sich komplexere Theorien mit dem Ziel, für ein größeres Publikum verständlich zu sein, übersetzen zu lassen. Daraus ergibt sich für die Forschungspraxis eine Konsequenz: Auch wenn mehr-als-repräsentationale Theorien und andere aktuellere konstruktivistische Theorien wie etwa Diskurstheorien wertvolle Einblicke in die Erzeugung von Landschaft liefern konnten, bleibt der Sozialkonstruktivismus durchaus für die Bearbeitung konkreter Forschungsfragen aktuell, schließlich ist er anschlussfähig, nicht allein für komplexere Theorien, sondern auch für praktische Fragen (etwa zu Landschaftskonflikten).