Zur Soziologie sozialer Konflikte
摘要
Das Thema „soziale Konflikte“ spielte zunächst in der deutschen Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg, soweit sie sich an der strukturell-funktionalen Theorie Talcott Parsons (1902–1979) orientierte, keine prominente Rolle. Allerdings rückten schon einige Jahre später der in Deutschland geborene, 1933 zunächst nach Frankreich und im Zweiten Weltkrieg in die USA emigrierte Lewis A. Coser (geb. Ludwig Alfred Coh(e)n) (1913–2003) in Auseinandersetzung mit Georg Simmels (1858–1918) „Der Streit“ – ein Kapitel aus seiner „Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ ([1908], 2021) – und Ralf Dahrendorf (1929–2009) dieses Forschungsfeld in den Blickpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Coser (vgl. [1956], 1972, S. 29) verortet dieses Defizit der soziologischen Theorie bzw. Analyse in den Kontext des Kalten Kriegs mit einer spürbaren gesellschaftspolitischen Reformabstinenz, die keineswegs auf die USA beschränkt war. Das Verdikt, dem Sozialismus oder gar dem Kommunismus dadurch Vorschub zu leisten, ließ im Westen nie lange auf sich warten. Im Unterschied zu Parsons waren Coser und Dahrendorf – Simmel begrenzter – von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts unmittelbar geprägt, von einer – auf Grund des zunehmenden Antisemitismus – erzwungenen Emigration aus NS-Deutschland bei Coser, von einer NS-Diktatur, dem Krieg und dem Holocaust bei Dahrendorf. Bei beiden trugen diese Erfahrungen vermutlich mit dazu bei, entschieden für eine offene Gesellschaft einzutreten, die nun erneut vielerorts bedroht ist. Die drei Wissenschaftler analysieren ein weites Feld sozialer Konflikte, wobei sie auch diejenigen zwischen Kapital und Arbeit berücksichtigen, die fundamental für eine demokratisch verfasste, kapitalistische Wirtschaftsgesellschaft sind. In der deutschen Soziologie war und ist diese Thematik stets präsent. Bei den drei Autoren interessieren mich vor allem jene Argumente, die die nachfolgende Analyse theoretisch fundieren und in einen Zusammenhang stellen können.