Politisch-theologische Großerzählung
摘要
Die wichtigste Verbindung zwischen Schmitt und Weiß war das „Vorgebot“ der Geschichte, das die unmittelbare Unterwerfung unter eine göttliche Autorität bedeutet. Mit der Befolgung des Vorgebots erfüllte Schmitt im Nationalsozialismus nach seinem Verständnis die Mission des „Katechon“, des Aufhalters einer verderblichen Entwicklung, die bis zum manichäischen Weltbürgerkrieg führe. Neben der politischen Präferenz für eine starke Staatlichkeit rückte die religiöse Sehnsucht nach Transparenz in das Zentrum seiner Geschichtstheologie. Mit seiner Katechon-Mission scheiterte er allerdings und wurde stattdessen im NS-Regime sogar ein „Beschleuniger wider Willen“. Schmitt wurde von Hermann Göring zum Mitglied des Staatsrates ernannt, was ihn nach seinem „Sturz“ Jahre 1936 vor ernsteren Repressalien schützte. Schmitt beschäftigte sich nicht nur mit Shakespeare ganz allgemein, sondern einzelne seiner Dramen stießen auf sein besonderes Interesse. Dazu gehörte der „Hamlet“, zeitweilig aber auch der „Othello“. Im „Hamlet“ spiegelte sich seine eigene Situation, aber auch das Schicksal Deutschlands und Europas. Schmitt sah in Hamlet den Schutzpatron der Intellektuellen und leitete daraus den „Hamlet-Mythos“ ab. Er hat sich intensiv mit dem Theater und dem „Einbruch der Zeit als lebendigem Spiel“ beschäftigt. Dabei entwickelte er eine fundamentale Theorie über das Verhältnis von Geschichte, Tragödie und Mythos. Diesen Gedanken hat später der Dramatiker Heiner Müller mit seiner „Hamlet-Maschine“ wieder aufgegriffen. Eine weitere mythische Figur war für ihn Benito Cereno. Herman Melvilles Roman wurde für ihn zu einem Schlüsseltext, der seine Theorien über politische Mythen, die Freund-Feind-Unterscheidung und die geopolitische Dichotomie stark beeinflusst hat. Nichts ist so, wie es zu sein scheint. Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ hat Schmitt sehr beeindruckt, besonders die Geschichte vom Großinquisitor. Möglicherweise ist die Figur des Großinquisitors der wichtigste Schlüssel für Schmitts Denken. Er sah in ihm ein Sinnbild für die Verbindung von politischer Macht und religiöser Legitimation. Schmitt gab dem Begriff des Politischen eine theologische Dimension. Aus dieser Sichtweise resultierte auch die Faszination, die der italienische Faschismus auf ihn ausübte. Aus seiner katholischen Grundstimmung ergab sich auch seine Zustimmung zu der Theorie der Gegenrevolution.