Welches Europa? Das „christliche Abendland“ in der programmatischen Entwicklung der CDU
摘要
Nach dem Ende der NS-Terrorherrschaft ist 1948 mit der CDU in Deutschland von demokratisch gesonnenen Menschen eine christdemokratische Partei auf der Basis eines christlichen Menschenbildes gegründet worden. Diese Partei wurde für die Geschichte der Bundesrepublik wie für die europäische Integration eine prägende Kraft. Der Aufstieg zur Volkspartei nach 1949 hatte seinen Preis, denn die CDU musste und wollte auch jene konservativen Kreise integrieren, die der Bonner Demokratie bzw. der parlamentarischen Demokratie mit Opportunismus, Misstrauen oder Widerwillen begegneten und den Weg in ein gemeinsames demokratisches Europa beargwöhnten. Die Formel vom „christlichen Abendland“ geriet dabei immer wieder in den Fokus der politischen Selbstdefinition der CDU. Der Beitrag untersucht anhand der Partei- und Wahlprogramme der Union die Verwendung, inhaltliche Füllung und Kontextualisierung dieser Formel in der Kommunikation mit dem Wahlvolk. Gefragt wird, welchen Stellenwert diese vielfältig deutbare Formel im Zeitverlauf für die christdemokratische Programmatik hatte. Ein besonderes Augenmerk gilt der Frage nach dem Zusammenhang zum Gedanken der europäischen Integration. Auf der Basis einer vergleichenden quantitativen und qualitativen Inhaltsanalyse der Parteiprogramme von 1945 bis 2022 zeigt sich, dass die Denkfigur in ihren Varianten kaum vorgekommen ist. Der Abendlandbezug hat somit in der demokratisch gesonnenen CDU keine prominente Wirkung entfaltet. Wenn es um ihr zentrales Selbstverständnis und ihren Anspruch in der Wählerschaft und in Europa geht, beruft sich die CDU konsequent auf Freiheit, Solidarität, Verantwortung und Menschenwürde.