Dogmatischer Marxismus-Leninismus
摘要
Antisemitismus wohnte dem Marxismus-Leninismus nie konstituierend inne, anders als etwa dem Nationalsozialismus. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es in der weitverzweigten Geschichte der sozialistischen Bewegung nicht zu verbalen judenfeindlichen und antisemitischen Entgleisungen, diesbezüglichen Repressionen oder auch mörderischen Manifestationen gekommen ist. Schon Karl Marx – obwohl selbst in eine Rabbinerfamilie hineingeboren und deshalb antisemitischen Tiraden ausgesetzt – pflegte politische Gegner und Zeitgenossen mit judenfeindlichen Stereotypen zu belegen, so etwa den Mitinitiator und Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), Ferdinand Lassalle. Diesen beschimpfte er in einem Brief an Friedrich Engels aus dem Sommer 1862 als „jüdischen Nigger“, da dieser ihm kein Geld leihen wolle, um ihm aus einer finanziellen Bredouille zu helfen (Hund 2018). Marx 1843 verfasste Schrift Zur Judenfrage hat in Anlehnung an die Junghegelianer zwar zum Ziel, die Emanzipation von jeglicher Religion zu befördern, also auch diejenige vom Judentum, nutzt in der Begründung jedoch deutlich antisemitische Tropen, wenn er den Eigennutz als den weltlichen Grund, den Schacher als den weltlichen Kultus und das Geld als den weltlichen Gott des Judentums bezeichnet (Marx 1976, S. 372). Sein Eintreten für die Emanzipation sowie die Teilnahme an Demonstrationen für die Gleichberechtigung von Jüdinnen:Juden stellt dazu keinen Widerspruch dar, sondern liegt genau im Trend der Zeit: Seit der Aufklärung gab es für Jüdinnen:Juden die Möglichkeit sich zu emanzipieren und Staatsbürger:innen zu werden, aber eben nicht als Juden. Der gute Jude war der Un-Jude (Rabinovici und Sznaider 2019, S. 15).