Die Juden lassen sich nicht einordnen, weder in die Gruppe der Freunde noch in die der Feinde. Als Feinde sind sie physisch zu nahe und als Freunde bleiben sie den Einheimischen geistig zu fern. Damit untergraben die Juden als Juden die herrschenden sozialen Konstruktionen der Ordnung und „vergiften die Bequemlichkeit der Ordnung mit dem Misstrauen des Chaos“ Die Juden sind „die inkarnierte Ambivalenz“, gleichzeitig anziehend und abstoßend. Man könne, so Bauman, sagen, dass die Juden als Schuttplatz dienten, auf dem alle Ambivalenzen des Universums abgeladen werden konnten, so dass die Identität der christlichen Welt aus einem Block und in Frieden mit sich selbst bestehen konnte. In diesem Sinne eigneten sich die Juden als „Abladeplatz“ auch im „Ordnungsgestöber“ der Spätmoderne. Wir stützen uns in diesem Kapitel auf Zygmunt Bauman und auf die Integrated Threat Theory of Prejudice von Stephan und Stephan, um ein heuristisches Modell zu präsentieren, mit dem wir Folgendes deutlich zu machen versuchen: Für die auf allen (gesellschaftlichen) Ebenen beobachtbaren Ambivalenzen machen die Antisemit*innen die Juden und Jüdinnen verantwortlich. Für Antisemit*innen sind Juden und Jüdinnen die Inkarnation der Ambivalenz. Mit Ambivalenz können Antisemit*innen nicht umgehen. Sie macht ihnen Angst. Um die Angst vor der Ambivalenz zu bewältigen, inszenieren die Antisemit*innen den Antisemitismus in offenen, verdeckten und in camouflierten Formen, um den Jüdinnen und Juden die Rechtmäßigkeit ihrer Existenz zu verweigern. Und woher kommt die Angst vor der Ambivalenz? Wir vermuten, dass sie Teil dessen ist, was Erich Fromm die „Furcht vor der Freiheit“ nennt. Freiheit heißt für Fromm die positive Verwirklichung des individuellen Selbst, also die intellektuellen, emotionalen und sinnlichen Möglichkeiten voll zum Ausdruck zu bringen. „Die Juden“ fordern die individuelle und gruppenspezifische Furcht der Antisemit*innen vor der Freiheit im doppelten (ambivalenten) Sinne heraus: „Die Juden“ sind zum einen aus Sicht der Antisemit*innen, also unabhängig von jeglicher Faktizität, die eigentlich „freie“, „unabhängige“, „kosmopolitische“ Gemeinschaft. „Die Juden“ verkörpern die „Freiheit“, die die Antisemit*innen gern genießen würden, vor der sie sich aber auch fürchten. Zum anderen sehen die Antisemit*innen in „den Juden“ nicht nur die Träger des Geldes, das sie, die Antisemit*innen gerne hätten, sondern auch das personifizierte Kapital, das für alle Umbrüche und Krisen im Kapitalismus verantwortlich gemacht werden kann. Die Antisemit*innen fühlen sich letztlich doppelt unfrei. Dass es sich dabei um einen individuell und gesellschaftlich konstruierten Schein handelt, liegt auf der Hand, wird aber von den Antisemit*innen nicht als solcher erkannt. Aus dieser scheinbaren Unfreiheit versuchen die Antisemit*innen zu flüchten. Erich Fromm hebt drei Fluchtmechanismen besonders hervor: die Flucht ins Autoritäre, die Flucht ins Destruktive und die Flucht ins Konformistische. Für Fromm sind diese Mechanismen, zu der auch die Flucht in den Gruppen-Narzissmus zu gehören scheint, Versuche, der Furcht vor der Freiheit zu entfliehen. Die Antisemit*innen sehen hingegen in diesen Mechanismen Möglichkeiten, die von „den Juden“ bedrohte Freiheit wiederzuerlangen. Damit geraten die Antisemit*innen indes nur in neue Abhängigkeiten von den vielfältigen Ambivalenzen der Neuzeit.

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Warum die Juden? – Antisemitische Ambivalenzen

  • Wolfgang Frindte,
  • Ina Frindte

摘要

Die Juden lassen sich nicht einordnen, weder in die Gruppe der Freunde noch in die der Feinde. Als Feinde sind sie physisch zu nahe und als Freunde bleiben sie den Einheimischen geistig zu fern. Damit untergraben die Juden als Juden die herrschenden sozialen Konstruktionen der Ordnung und „vergiften die Bequemlichkeit der Ordnung mit dem Misstrauen des Chaos“ Die Juden sind „die inkarnierte Ambivalenz“, gleichzeitig anziehend und abstoßend. Man könne, so Bauman, sagen, dass die Juden als Schuttplatz dienten, auf dem alle Ambivalenzen des Universums abgeladen werden konnten, so dass die Identität der christlichen Welt aus einem Block und in Frieden mit sich selbst bestehen konnte. In diesem Sinne eigneten sich die Juden als „Abladeplatz“ auch im „Ordnungsgestöber“ der Spätmoderne. Wir stützen uns in diesem Kapitel auf Zygmunt Bauman und auf die Integrated Threat Theory of Prejudice von Stephan und Stephan, um ein heuristisches Modell zu präsentieren, mit dem wir Folgendes deutlich zu machen versuchen: Für die auf allen (gesellschaftlichen) Ebenen beobachtbaren Ambivalenzen machen die Antisemit*innen die Juden und Jüdinnen verantwortlich. Für Antisemit*innen sind Juden und Jüdinnen die Inkarnation der Ambivalenz. Mit Ambivalenz können Antisemit*innen nicht umgehen. Sie macht ihnen Angst. Um die Angst vor der Ambivalenz zu bewältigen, inszenieren die Antisemit*innen den Antisemitismus in offenen, verdeckten und in camouflierten Formen, um den Jüdinnen und Juden die Rechtmäßigkeit ihrer Existenz zu verweigern. Und woher kommt die Angst vor der Ambivalenz? Wir vermuten, dass sie Teil dessen ist, was Erich Fromm die „Furcht vor der Freiheit“ nennt. Freiheit heißt für Fromm die positive Verwirklichung des individuellen Selbst, also die intellektuellen, emotionalen und sinnlichen Möglichkeiten voll zum Ausdruck zu bringen. „Die Juden“ fordern die individuelle und gruppenspezifische Furcht der Antisemit*innen vor der Freiheit im doppelten (ambivalenten) Sinne heraus: „Die Juden“ sind zum einen aus Sicht der Antisemit*innen, also unabhängig von jeglicher Faktizität, die eigentlich „freie“, „unabhängige“, „kosmopolitische“ Gemeinschaft. „Die Juden“ verkörpern die „Freiheit“, die die Antisemit*innen gern genießen würden, vor der sie sich aber auch fürchten. Zum anderen sehen die Antisemit*innen in „den Juden“ nicht nur die Träger des Geldes, das sie, die Antisemit*innen gerne hätten, sondern auch das personifizierte Kapital, das für alle Umbrüche und Krisen im Kapitalismus verantwortlich gemacht werden kann. Die Antisemit*innen fühlen sich letztlich doppelt unfrei. Dass es sich dabei um einen individuell und gesellschaftlich konstruierten Schein handelt, liegt auf der Hand, wird aber von den Antisemit*innen nicht als solcher erkannt. Aus dieser scheinbaren Unfreiheit versuchen die Antisemit*innen zu flüchten. Erich Fromm hebt drei Fluchtmechanismen besonders hervor: die Flucht ins Autoritäre, die Flucht ins Destruktive und die Flucht ins Konformistische. Für Fromm sind diese Mechanismen, zu der auch die Flucht in den Gruppen-Narzissmus zu gehören scheint, Versuche, der Furcht vor der Freiheit zu entfliehen. Die Antisemit*innen sehen hingegen in diesen Mechanismen Möglichkeiten, die von „den Juden“ bedrohte Freiheit wiederzuerlangen. Damit geraten die Antisemit*innen indes nur in neue Abhängigkeiten von den vielfältigen Ambivalenzen der Neuzeit.