Seit 90 Jahren steht der autoritäre Sozialcharakter im Mittelpunkt eines gigantischen Forschungsprogramms, mit dem diejenigen Elemente der Persönlichkeitsstruktur analysiert werden, „[…] die zu feindseligen Reaktionen gegenüber religiösen und ethnischen Minoritäten prädisponieren“ (Horkheimer, 1968, S. VII). Die zahlreich erschienenen sozialwissenschaftlichen bzw. psychologischen Autoritarismus-Konzeptionen sind mehr oder weniger stark schon von den frühen Arbeiten Erich Fromms beeinflusst. Darauf gehen wir in diesem Kapitel ein. Auch der Trend, der auch als „authoritarian Turn“, „autoritäre Wende“ oder „Renaissance des politischen Autoritarismus“ bezeichnet werden kann, spielt dabei eine zentrale Rolle. Autoritarismus scheint ein globales Phänomen zu sein. Es handelt sich um Prozesse, die sich weltweit in verschiedenen Ländern (nicht nur in den USA, sondern auch in Argentinien, Brasilien, China, Indien, Russland, Ungarn, der Türkei und Venezuela), Regierungen, Parteien, sozialen und wirtschaftlichen Organisationen oder in Staatenverbänden beobachten lassen. Prozesse, die mit der Zerstörung demokratischer Strukturen und der wachsenden Macht einzelner Personen oder Gruppen, mit dem Abbau liberaler Freiheiten und der Etablierung illegaler Überwachungssysteme, mit der Desavouierung staatlicher Medien und der Verbreitung von Verschwörungsmythen einhergehen können. Die allgemeine Frage, auf die Antworten gesucht werden, lautet: Inwieweit werden sozialwissenschaftliche und psychologische Ansätze zur Erforschung des Autoritarismus gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen gerecht bzw. inwieweit lohnt es sich, nach alternativen oder ergänzenden Erklärungen zu suchen? Und im Besonderen geht es darum, nach Erklärungen für den weltweiten Anstieg des Antisemitismus zu fahnden. Neben den einflussreichen und weitgehend empirisch gestützten Antworten auf diese Frage diskutieren wir in diesem Kapitel auch das auf Erich Fromm zurückgehende Konzept des „Group Narcissism“. Mittlerweile gibt es eine Reihe internationaler Studien, in denen versucht wird, Gruppen-Narzissmus mittels standardisierter Instrumente zu operationalisieren und zur Erklärung zum Beispiel von Ethnozentrismus, Nationalismus, Populismus, Antisemitismus oder auch von Sympathien für Donald Trump zu nutzen.

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Autoritarismus und Antisemitismus

  • Wolfgang Frindte,
  • Ina Frindte

摘要

Seit 90 Jahren steht der autoritäre Sozialcharakter im Mittelpunkt eines gigantischen Forschungsprogramms, mit dem diejenigen Elemente der Persönlichkeitsstruktur analysiert werden, „[…] die zu feindseligen Reaktionen gegenüber religiösen und ethnischen Minoritäten prädisponieren“ (Horkheimer, 1968, S. VII). Die zahlreich erschienenen sozialwissenschaftlichen bzw. psychologischen Autoritarismus-Konzeptionen sind mehr oder weniger stark schon von den frühen Arbeiten Erich Fromms beeinflusst. Darauf gehen wir in diesem Kapitel ein. Auch der Trend, der auch als „authoritarian Turn“, „autoritäre Wende“ oder „Renaissance des politischen Autoritarismus“ bezeichnet werden kann, spielt dabei eine zentrale Rolle. Autoritarismus scheint ein globales Phänomen zu sein. Es handelt sich um Prozesse, die sich weltweit in verschiedenen Ländern (nicht nur in den USA, sondern auch in Argentinien, Brasilien, China, Indien, Russland, Ungarn, der Türkei und Venezuela), Regierungen, Parteien, sozialen und wirtschaftlichen Organisationen oder in Staatenverbänden beobachten lassen. Prozesse, die mit der Zerstörung demokratischer Strukturen und der wachsenden Macht einzelner Personen oder Gruppen, mit dem Abbau liberaler Freiheiten und der Etablierung illegaler Überwachungssysteme, mit der Desavouierung staatlicher Medien und der Verbreitung von Verschwörungsmythen einhergehen können. Die allgemeine Frage, auf die Antworten gesucht werden, lautet: Inwieweit werden sozialwissenschaftliche und psychologische Ansätze zur Erforschung des Autoritarismus gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen gerecht bzw. inwieweit lohnt es sich, nach alternativen oder ergänzenden Erklärungen zu suchen? Und im Besonderen geht es darum, nach Erklärungen für den weltweiten Anstieg des Antisemitismus zu fahnden. Neben den einflussreichen und weitgehend empirisch gestützten Antworten auf diese Frage diskutieren wir in diesem Kapitel auch das auf Erich Fromm zurückgehende Konzept des „Group Narcissism“. Mittlerweile gibt es eine Reihe internationaler Studien, in denen versucht wird, Gruppen-Narzissmus mittels standardisierter Instrumente zu operationalisieren und zur Erklärung zum Beispiel von Ethnozentrismus, Nationalismus, Populismus, Antisemitismus oder auch von Sympathien für Donald Trump zu nutzen.