Erklärungs- und Beobachtungsprobleme
摘要
Antisemit: „Alles Unglück kommt nur von den Juden!“ Jude: „Nein, von den Bicyclisten (Radfahrer).“ Antisemit: „Wieso von den Bicyclisten?“Jude: „Wieso von den Juden?“. Mit diesem Witz weist Hannah Arendt in ihrem Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ bekanntlich auf „überstürzt hingeworfenen Arbeitshypothesen“ hin, mit denen der Antisemitismus hin und wieder erklärt wird. Einige dieser Hypothesen sehen wir uns in diesem Kapitel genauer an. Ein beliebiges Vorurteil ist der Antisemitismus nicht, auch nicht ausschließlich auf individuelle Besonderheiten der Antisemiten zurückzuführen. Politisch und historisch gesehen, lässt sich der moderne Antisemitismus aber ebenso wenig als zwangsläufiges, mit den ökonomischen Krisen des Imperialismus verbundenes Ereignis interpretieren. Vielleicht ist es die „geistesgestörte“, weil ohne Bezug auf die wirkliche Existenz der Juden konstruierte, Ambivalenz, mit der die Antisemiten die Juden als Verkörperung begehrter und verpönter Merkmale zu diskriminieren und zu diffamieren versuchen, um ihnen die Rechtmäßigkeit ihrer Existenz als Mitglieder sozialer Gemeinschaften abzusprechen. Das Ursachengefüge war und ist komplizierter, weil komplexer. Marin (2000) fordert deshalb ein anspruchsvolles Forschungsprogramm, dass sowohl die historische Analyse des Antisemitismus bis zum Holocaust als auch die sozialwissenschaftliche Untersuchung des Ausmaßes, der Art und der Intensität des „[…] nach-faschistischen Antisemitismus“ in Europa und dessen Verknüpfung mit der NS-Vergangenheit und dem Nahost-Konflikt einschließt, um so „die veränderte psychosoziale Dynamik des Antisemitismus der Gegenwart zu erkennen und wirksam zu bekämpfen“. Ein solch anspruchsvolles Forschungsprogramm existiert bisher nicht. Vielleicht ist es auch gar nicht realisierbar. Dass sich Sozialwissenschaftler*innen darum bemühen, der Komplexität des Forschungsgegenstandes „Antisemitismus“ dennoch auf die Spur zu kommen und dass diese Spurensuche hin und wieder gar nicht so leicht ist, versuchen wir zu verdeutlichen, indem wir diverse Methodenprobleme (nicht zuletzt am Beispiel der eigenen Studien) diskutieren.