In Anlehnung an einen Buchtitel von Jeffrey Herf (2025) diskutieren wir in diesem Kapitel die drei Gesichter des Antisemitismus, den rechten, den linken und den islamischen Antisemitismus. Nach Auschwitz trat die DDR ein schwieriges Erbe an. Gemeistert hat sie es nicht. Ob der von der SED praktizierte Antizionismus ein „unerklärter Krieg gegen Israel“, ein „Teil einer antiimperialistischen Verschwörungstheorie“ oder ein von deutschem Nationalismus und seinen Begründungsschwierigkeiten nach 1945 gespeister und geprägter, antizionistisch verkleideter „sekundärer Antisemitismus“ war, ist unwichtig. Entscheidend ist, dass die Juden in der DDR, wenn sie denn in der DDR bleiben wollten, ihr Jüdischsein verdrängen mussten. In der BRD entwickelte sich in den großen deutschen Städten schon wenige Tage nach der Befreiung wieder ein jüdisches Gemeindeleben. Mit der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands war der Antisemitismus allerdings keinesfalls über Nacht verschwunden. Im zweiten Nachkriegsjahr, 1946, nahmen in der BRD antisemitische Taten schlagartig zu. Antisemitische Einstellungen wurden nicht nur wieder öffentlich geäußert, antisemitische Diskriminierung wurde auch praktiziert. Am Ende der 1980er-Jahre fand der Antisemitismus durch den Antizionismus der Linken und durch die Geschichtsrelativierung neurechter Akteure immer wieder auch Eingang in die öffentlichen Kommunikationsräume der BRD. „Moralkeulen“, „Schlussstriche“ und „Israelkritik“ gehören zu den Sprachspielen, mit denen die Antisemit*innen in den 1990er-Jahren bis heute ihren Antisemitismus zu verkleiden versuchen. Nach dem 7. Oktober 2023 inszenierten nicht nur muslimisch sozialisierte Menschen ihre antisemitischen und antiisraelischen Einstellungen auf Demonstrationen, in Hochschulen, im alltäglichen Umgang oder in strafrechtlicher Weise. Auch Linksorientierte, Rechtsextreme, Friedensbewegte und Konservative. Die teils diversen postkolonialen Diskussionen sind ebenfalls nicht frei von Antisemitismus und Israelfeindlichkeit. Facettenreich sind auch die Debatten um den „neuen“ bzw. „islamischen Antisemitismus“. Diskutiert wird zum Beispiel, a) ob es sich dabei um einen „neuen Antisemitismus“ handele, der „im Wesentlichen einen Import aus Europa“ darstelle und sich aus der Verknüpfung von islamistischer Judenfeindschaft und europäischem Antisemitismus speise, b) ob die islamische Judenfeindlichkeit ein genuiner Bestandteil des Islam sei, der sich zum einen auf entsprechende Suren im Koran stütze und sich zum anderen des modernen europäischen Antisemitismus bediene, c) ob sich der „neue Antisemitismus“ hinter der Camouflage der „Israelkritik“ verstecke und nur eine Folgeerscheinung des Palästinakonflikts sei oder ob d) der „islamistische Antisemitismus“ vor allem ein zentrales Merkmal radikal-islamistischer Gruppierungen und Organisationen sei. Die empirischen Befunde, auf die sich die Diskussionen stützen, sind vielfältig und gehaltvoll.

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„Drei Gesichter des Antisemitismus“ – und mehr

  • Wolfgang Frindte,
  • Ina Frindte

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In Anlehnung an einen Buchtitel von Jeffrey Herf (2025) diskutieren wir in diesem Kapitel die drei Gesichter des Antisemitismus, den rechten, den linken und den islamischen Antisemitismus. Nach Auschwitz trat die DDR ein schwieriges Erbe an. Gemeistert hat sie es nicht. Ob der von der SED praktizierte Antizionismus ein „unerklärter Krieg gegen Israel“, ein „Teil einer antiimperialistischen Verschwörungstheorie“ oder ein von deutschem Nationalismus und seinen Begründungsschwierigkeiten nach 1945 gespeister und geprägter, antizionistisch verkleideter „sekundärer Antisemitismus“ war, ist unwichtig. Entscheidend ist, dass die Juden in der DDR, wenn sie denn in der DDR bleiben wollten, ihr Jüdischsein verdrängen mussten. In der BRD entwickelte sich in den großen deutschen Städten schon wenige Tage nach der Befreiung wieder ein jüdisches Gemeindeleben. Mit der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands war der Antisemitismus allerdings keinesfalls über Nacht verschwunden. Im zweiten Nachkriegsjahr, 1946, nahmen in der BRD antisemitische Taten schlagartig zu. Antisemitische Einstellungen wurden nicht nur wieder öffentlich geäußert, antisemitische Diskriminierung wurde auch praktiziert. Am Ende der 1980er-Jahre fand der Antisemitismus durch den Antizionismus der Linken und durch die Geschichtsrelativierung neurechter Akteure immer wieder auch Eingang in die öffentlichen Kommunikationsräume der BRD. „Moralkeulen“, „Schlussstriche“ und „Israelkritik“ gehören zu den Sprachspielen, mit denen die Antisemit*innen in den 1990er-Jahren bis heute ihren Antisemitismus zu verkleiden versuchen. Nach dem 7. Oktober 2023 inszenierten nicht nur muslimisch sozialisierte Menschen ihre antisemitischen und antiisraelischen Einstellungen auf Demonstrationen, in Hochschulen, im alltäglichen Umgang oder in strafrechtlicher Weise. Auch Linksorientierte, Rechtsextreme, Friedensbewegte und Konservative. Die teils diversen postkolonialen Diskussionen sind ebenfalls nicht frei von Antisemitismus und Israelfeindlichkeit. Facettenreich sind auch die Debatten um den „neuen“ bzw. „islamischen Antisemitismus“. Diskutiert wird zum Beispiel, a) ob es sich dabei um einen „neuen Antisemitismus“ handele, der „im Wesentlichen einen Import aus Europa“ darstelle und sich aus der Verknüpfung von islamistischer Judenfeindschaft und europäischem Antisemitismus speise, b) ob die islamische Judenfeindlichkeit ein genuiner Bestandteil des Islam sei, der sich zum einen auf entsprechende Suren im Koran stütze und sich zum anderen des modernen europäischen Antisemitismus bediene, c) ob sich der „neue Antisemitismus“ hinter der Camouflage der „Israelkritik“ verstecke und nur eine Folgeerscheinung des Palästinakonflikts sei oder ob d) der „islamistische Antisemitismus“ vor allem ein zentrales Merkmal radikal-islamistischer Gruppierungen und Organisationen sei. Die empirischen Befunde, auf die sich die Diskussionen stützen, sind vielfältig und gehaltvoll.