Kaum ein Versuch, die Juden als Juden zu vernichten, kam bisher ohne Inszenierung aus. Die Geschichte vom Priester Haman erwähnen wir ebenso wie die Belege über die Massaker an den Juden im fanatisierten Klima der Kreuzzüge und während der Pest im 14. oder im 16. Jahrhundert. Neben den neutestamentarisch niedergeschriebenen und inszenierten Beschuldigungen des Christusmordes, der Stigmatisierung der Juden als Teufelssöhne durch den Klerus und dem Vorwurf der Brunnenvergiftung lassen sich weitere religiös motivierte Anschuldigungen anführen. So etwa der Hostienfrevel, also die Zerstörung oder Durchstechung der Hostie und die Ritualmord-Legende. Martin Luthers judenfeindliche Pamphlete, Tischgespräche und Predigten erwähnen wir ebenfalls. So oder so, Ende des 18. Jahrhunderts begann ein Zeitalter der jüdischen Emanzipation. Dieses Zeitalter ist ohne einen ganz Großen unter den Aufklärern, ohne den Juden Moses Mendelssohn, nicht denkbar. Aber auch an Gotthold Ephraim Lessing oder Georg Christoph Lichtenberg und natürlich an Immanuel Kant ist zu erinnern. Karl Vorländer, der den Sozialdemokraten die Ideen Kants nahe zu bringen versuchte, beklagt, dass dieser gelegentlich bei Tische die Juden als Vampire bezeichnet habe. Auf Ausschnitte einer Vorlesung, die Kant ab 1772/73 in Königsberg unter dem Titel „Physische Geographie“ gehalten hat, ist ebenfalls zu verweisen. Dann fällt in Frankreich während der Emanzipationsdebatte im Dezember 1789 der berühmten Satz: „Den Juden als Nation muss man alles verweigern; als Individuen muss man ihnen alles zugestehen“. Für diese zunächst durchaus revolutionäre Entscheidung bezahlten die Juden jedoch einen hohen Preis: Die bürgerliche Nation sollte einerseits keine Unterschiede mehr zwischen Juden und Nicht-Juden machen, während die Juden andererseits auf ihre kategoriale Selbstdefinition als Juden zu verzichten hätten. Mit dem preußischen Emanzipationsedikt aus dem Jahre 1812 erlangten auch die preußischen Juden Bürgerrechte. Mit der Restauration der alten Verhältnisse nach der Niederlage Napoleons wurde allerdings die Judenfeindlichkeit wieder inszeniert. Auf dem Wartburgfest 1817 verbrannten deutsche Burschenschaftler Bücher und mit den „Hep-Hep – Jud’ verreck“ – Rufen und den darauffolgenden Überfällen auf Juden begannen im Jahre 1819 neue Pogrome, die sich in ganz Deutschland fortsetzten. Einige Jahre später, den Jahren nach 1870/1871, wurde die Börse zur öffentlich verbreiteten Metapher, für das Spinnennetz, dass die Juden weben, um sich die Welt zu unterwerfen. Die Juden wurden für den Börsenkrach und die Finanzkrise im Jahre 1973 verantwortlich gemacht. Die falschen Bilder über die Juden, so wie sie die traditionelle christliche Judenfeindschaft produzierte, bekamen mit der kapitalistischen Entwicklung entsprechende Facetten (z. B. von der „jüdischen Vorherrschaft“ oder der „jüdischen Weltherrschaft“). Die traditionelle Judenfeindlichkeit wandelte sich zum modernen Antisemitismus. An Karl Marx kommen wir dabei ebenso wenig vorbei, wenn es um Ursachen und Interpretationen von Antisemitismus geht, wie um die Goldenen Zwanziger, in denen sich gewalttätige Angriffe auf Jüdinnen und Juden häuften. Nach der Machtübernahme Hitlers und dem Aufstieg der NSDAP zur Regierungspartei begann dann das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Judentums. Die Öfen wurden angeheizt. Und sechs Millionen Juden starben in Auschwitz und Treblinka, in Belzec und Sobibor, in Majdanek und Chelmno.

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Judenhass und Antisemitismus – die Geschichte einer Inszenierung

  • Wolfgang Frindte,
  • Ina Frindte

摘要

Kaum ein Versuch, die Juden als Juden zu vernichten, kam bisher ohne Inszenierung aus. Die Geschichte vom Priester Haman erwähnen wir ebenso wie die Belege über die Massaker an den Juden im fanatisierten Klima der Kreuzzüge und während der Pest im 14. oder im 16. Jahrhundert. Neben den neutestamentarisch niedergeschriebenen und inszenierten Beschuldigungen des Christusmordes, der Stigmatisierung der Juden als Teufelssöhne durch den Klerus und dem Vorwurf der Brunnenvergiftung lassen sich weitere religiös motivierte Anschuldigungen anführen. So etwa der Hostienfrevel, also die Zerstörung oder Durchstechung der Hostie und die Ritualmord-Legende. Martin Luthers judenfeindliche Pamphlete, Tischgespräche und Predigten erwähnen wir ebenfalls. So oder so, Ende des 18. Jahrhunderts begann ein Zeitalter der jüdischen Emanzipation. Dieses Zeitalter ist ohne einen ganz Großen unter den Aufklärern, ohne den Juden Moses Mendelssohn, nicht denkbar. Aber auch an Gotthold Ephraim Lessing oder Georg Christoph Lichtenberg und natürlich an Immanuel Kant ist zu erinnern. Karl Vorländer, der den Sozialdemokraten die Ideen Kants nahe zu bringen versuchte, beklagt, dass dieser gelegentlich bei Tische die Juden als Vampire bezeichnet habe. Auf Ausschnitte einer Vorlesung, die Kant ab 1772/73 in Königsberg unter dem Titel „Physische Geographie“ gehalten hat, ist ebenfalls zu verweisen. Dann fällt in Frankreich während der Emanzipationsdebatte im Dezember 1789 der berühmten Satz: „Den Juden als Nation muss man alles verweigern; als Individuen muss man ihnen alles zugestehen“. Für diese zunächst durchaus revolutionäre Entscheidung bezahlten die Juden jedoch einen hohen Preis: Die bürgerliche Nation sollte einerseits keine Unterschiede mehr zwischen Juden und Nicht-Juden machen, während die Juden andererseits auf ihre kategoriale Selbstdefinition als Juden zu verzichten hätten. Mit dem preußischen Emanzipationsedikt aus dem Jahre 1812 erlangten auch die preußischen Juden Bürgerrechte. Mit der Restauration der alten Verhältnisse nach der Niederlage Napoleons wurde allerdings die Judenfeindlichkeit wieder inszeniert. Auf dem Wartburgfest 1817 verbrannten deutsche Burschenschaftler Bücher und mit den „Hep-Hep – Jud’ verreck“ – Rufen und den darauffolgenden Überfällen auf Juden begannen im Jahre 1819 neue Pogrome, die sich in ganz Deutschland fortsetzten. Einige Jahre später, den Jahren nach 1870/1871, wurde die Börse zur öffentlich verbreiteten Metapher, für das Spinnennetz, dass die Juden weben, um sich die Welt zu unterwerfen. Die Juden wurden für den Börsenkrach und die Finanzkrise im Jahre 1973 verantwortlich gemacht. Die falschen Bilder über die Juden, so wie sie die traditionelle christliche Judenfeindschaft produzierte, bekamen mit der kapitalistischen Entwicklung entsprechende Facetten (z. B. von der „jüdischen Vorherrschaft“ oder der „jüdischen Weltherrschaft“). Die traditionelle Judenfeindlichkeit wandelte sich zum modernen Antisemitismus. An Karl Marx kommen wir dabei ebenso wenig vorbei, wenn es um Ursachen und Interpretationen von Antisemitismus geht, wie um die Goldenen Zwanziger, in denen sich gewalttätige Angriffe auf Jüdinnen und Juden häuften. Nach der Machtübernahme Hitlers und dem Aufstieg der NSDAP zur Regierungspartei begann dann das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Judentums. Die Öfen wurden angeheizt. Und sechs Millionen Juden starben in Auschwitz und Treblinka, in Belzec und Sobibor, in Majdanek und Chelmno.