In vielen Regionen Deutschlands haben junge Menschen kaum mehr die lebensweltliche Gelegenheit, so etwas wie menschenrechtliches Verhalten und demokratische Lebensform überhaupt nur kennen zu lernen. Schulische Bildung und Erziehung sind somit neu und anders gefordert. Der Beitrag erläutert ein Verfahren der außerschulischen politischen Bildung für Schulen/-Klassen – die vollkommen themen- und prozessoffenen Narrativen Gesprächsgruppen (NGG) – die wöchentlich einstündig, mindestens halbjährig, mit kleinen Gruppen gehalten werden. Deutlich wird, wie erzieherische Förderung von demokratischer Persönlichkeitsentwicklung – auch mit schwererreichbaren Schüler:innen unter schwierigen Bedingungen – gelingen kann. In der Förderschule einer strukturschwachen ostdeutschen Kommune, deren Schüler:innen durch massive psychosoziale Familien- und Jugendhilfebedarfe, Vorkommnisse der Demokratie- und Menschenfeindlichkeit sowie durch Mobbing gekennzeichnet sind, findet eine Gruppe von sieben Schüler:innen rasch zu großer Gesprächsoffenheit: Eingangs hatte ein familiär vielfach belastetes 15-jähriges Mädchen im Gespräch über lokale Konflikte mit „Ausländern“ erzürnt gerufen: „Man soll alle Ausländer vergasen, weg mit dem Viehzeug“; und: „Hitler ist geil … ich finde den Typ geil!“, um anschließend der Schule drei Wochen fernzubleiben („Hab keinen Bock auf den Scheiß!“). Im weiteren Verlauf erschließt die Gruppe individuelle Erfahrungen zu “wehrhafter Männlichkeit“, „körperlichen Auseinandersetzungen“ und örtlichem Neonazismus. Auch die sich stolz als „Rechte“ bekennenden Jungen wollen aber „die Nazizeit niemals wiederholt“ sehen. Trotz großer Bildungslücken („Wer hat uns nochmal platt gemacht? Waren das die Russen mit der Atombombe?“) war die Geschichte von Anne Frank überwiegend mit Empathie aufgenommen worden („das ist doch mies, nur weil sie diesem Hitler nicht gepasst hat, …“). Zunehmend werden auch Szenen um Alkoholismus, Drogenmissbrauch, psychische Erkrankung und Gewalt seitens der Eltern geteilt. Eines der stilleren Mädchen spricht dann, erstmals überhaupt, von ihrem festen Freund, der als trans Mann lebt, und sie erörtert mit den Mitschüler:innen, ob sie jetzt „nicht mehr bi“ wäre und wie „dolle (die Jugendlichen) mit ihrem Körper identifiziert“ seien? Ambivalent von der Gruppe fasziniert, kommt die 15-Jährige in der vierten Woche wieder, hatte inzwischen, durch Internet-Recherche, „Hitler“ abgeschworen, hadert aber mit nicht-normativen Identitäten („igitt!“). Insgesamt hinterließ die halbjährige Gruppenarbeit bei allen Teilnehmenden erkennbar positive, pro-soziale Wirkungen.

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„Hitler ist geil!“ – Zum Verlauf einer Narrativen Gesprächsgruppe an einer Förderschule

  • Harald Weilnböck,
  • Emma Rühlmann,
  • Lena Kristina Schmidt

摘要

In vielen Regionen Deutschlands haben junge Menschen kaum mehr die lebensweltliche Gelegenheit, so etwas wie menschenrechtliches Verhalten und demokratische Lebensform überhaupt nur kennen zu lernen. Schulische Bildung und Erziehung sind somit neu und anders gefordert. Der Beitrag erläutert ein Verfahren der außerschulischen politischen Bildung für Schulen/-Klassen – die vollkommen themen- und prozessoffenen Narrativen Gesprächsgruppen (NGG) – die wöchentlich einstündig, mindestens halbjährig, mit kleinen Gruppen gehalten werden. Deutlich wird, wie erzieherische Förderung von demokratischer Persönlichkeitsentwicklung – auch mit schwererreichbaren Schüler:innen unter schwierigen Bedingungen – gelingen kann. In der Förderschule einer strukturschwachen ostdeutschen Kommune, deren Schüler:innen durch massive psychosoziale Familien- und Jugendhilfebedarfe, Vorkommnisse der Demokratie- und Menschenfeindlichkeit sowie durch Mobbing gekennzeichnet sind, findet eine Gruppe von sieben Schüler:innen rasch zu großer Gesprächsoffenheit: Eingangs hatte ein familiär vielfach belastetes 15-jähriges Mädchen im Gespräch über lokale Konflikte mit „Ausländern“ erzürnt gerufen: „Man soll alle Ausländer vergasen, weg mit dem Viehzeug“; und: „Hitler ist geil … ich finde den Typ geil!“, um anschließend der Schule drei Wochen fernzubleiben („Hab keinen Bock auf den Scheiß!“). Im weiteren Verlauf erschließt die Gruppe individuelle Erfahrungen zu “wehrhafter Männlichkeit“, „körperlichen Auseinandersetzungen“ und örtlichem Neonazismus. Auch die sich stolz als „Rechte“ bekennenden Jungen wollen aber „die Nazizeit niemals wiederholt“ sehen. Trotz großer Bildungslücken („Wer hat uns nochmal platt gemacht? Waren das die Russen mit der Atombombe?“) war die Geschichte von Anne Frank überwiegend mit Empathie aufgenommen worden („das ist doch mies, nur weil sie diesem Hitler nicht gepasst hat, …“). Zunehmend werden auch Szenen um Alkoholismus, Drogenmissbrauch, psychische Erkrankung und Gewalt seitens der Eltern geteilt. Eines der stilleren Mädchen spricht dann, erstmals überhaupt, von ihrem festen Freund, der als trans Mann lebt, und sie erörtert mit den Mitschüler:innen, ob sie jetzt „nicht mehr bi“ wäre und wie „dolle (die Jugendlichen) mit ihrem Körper identifiziert“ seien? Ambivalent von der Gruppe fasziniert, kommt die 15-Jährige in der vierten Woche wieder, hatte inzwischen, durch Internet-Recherche, „Hitler“ abgeschworen, hadert aber mit nicht-normativen Identitäten („igitt!“). Insgesamt hinterließ die halbjährige Gruppenarbeit bei allen Teilnehmenden erkennbar positive, pro-soziale Wirkungen.